rudolf-maresch.de „Sich von der Macht der anderen und auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen.“ - Th.W.Adorno
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• Über Rudolf Maresch
0. Globalisierungskritik – wie weiter?

Interview mit der "Berliner Gazette - dem digitalen Mini-Feuilleton" aus Berlin


BG: Inwiefern stellt der G-8-Gipfel in Heiligendamm für die globalisierungskritische Bewegung einen Einschnitt dar? Was ist jetzt anders als vorher?

RM: Mit Globalisierungskritik habe ich so meine Schwierigkeiten. Da sind mir zu viele Wunschfantasien im Spiel, von denen ungeklärt bleibt, ob wir sie uns überhaupt wünschen sollen. Hinzu kommt, dass die Kritik von einem kruden Schwar-Weiß-Denken lebt und mitunter von ideologischer Verbohrtheit untermalt wird. Man denke nur an Naomi Kleins “Schockstrategien”, an Ulrich Becks “Konsumenten-Mantra oder an Al Gores “Unbequeme Wahrheiten”. Nun verhalten sich die Dinge aber weit komplizierter und komplexer, als es diese Leute darstellen oder wie es sich die Negativrhetorik des “Neoliberalismus”, des “Cyber-Kapitalismus” oder “der miliärisch-industrielle Komplex” vorstellt, die Sachverhalte arg versimplifiziert.

Andererseits gereicht die Globalisierung nicht allen Akteuren gleichermaßen zum Nachteil. Damit meine ich nicht all die Finanzakrobaten und Private Equity Fundraiser, die über Nacht steinreich, aber genauso schnell, wie die Immobilienkrise in Amerika zeigt, ihr investiertes Kapital wieder los werden können. Sondern vor allem die Bevölkerungen von Ländern wie Indien, China und anderer Schwellenländer, die von der “flachen Welt” und dem globalen Handel enorm profitieren und die alte und neue Welt herausfordern. Der Schwarzmalerei, die da häufig betrieben wird, kann ich nicht viel abgewinnen.

Was den “bunten Haufen” in Heiligendamm angeht, kann ich wahrlich keinen Einschnitt erkennen. Es gab Krawall und Klamauk wie immer. Seit den seligen Tagen der 68er Generation, als die Kameras und Mikrofone im Plural auf den Marktplätzen in Berkeley, Berlin und Frankfurt auftauchten und die “Gesellschaft des Spektakels” ihren Gründungsakt erfuhr, gehört das zum Begleitchor und Hintergrundrauschen derartiger Ereignisse. Mittlerweile hat es eher den Anschein, als ob dieses Rauschen mit den Truppenstärken dieser Treffen mitgewachsen wäre.

BG: Welche Fragen sollen im Kontext der Globalisierungskritik künftig gestellt und diskutiert werden?

RM: Das Problem, vor dem wir heute stehen, ist doch, dass alle weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, die dieser “Multitude” auf den Nägeln brennt: Patentrechte und Erderwärmung, Aids und Entwicklungshilfe, oder auch: Hedge Fonds und gerechte Löhne, Kinderarbeit und fairer Handel weder mit Trillerpfeifen, Molotow-Cocktails und Sambatrommeln noch durch runde Tisch gelöst werden können.

Nicht nur, weil die Interessen der einzelnen Akteure (Länder, Regierungen, Kulturen ...) viel zu unterschiedlich sind, weswegen es nach solchen Meetings immer die viel kritisierten Absichtserklärungen gibt. Sondern auch, weil gar nicht sichergestellt ist, ob sich die Welt tatsächlich zum Besseren wenden würde, wenn es fairen Handel, keine Kinderarbeit oder fünfmal so viel Geld für Entwicklungshilfe gäbe.

Mal abgesehen davon, dass stolze Afrikaner von derartigem Paternalismus sich in ihrer Ehre gedemütigt fühlen; und abgesehen davon, dass Kinder wenigstens einer geregelten Arbeit nachgehen, nicht auf der Straße herumlungern und so das Einkommen ihrer Familie erhöhen: Was würden all die Schnäppchenjäger sagen, wenn das Pfund Kaffee plötzlich 8 oder 10 Euro, die Sweatshirts bei C & A 100 Euro oder der Flachbildschirm 5000 Euro kosten würde. Wie haben die Leute aufgeheult, als es kürzlich hieß, Milchprodukte würden wegen der großen Nachfrage aus China um 40 Prozent teurer.

Und was würden erst all die Gewerkschafter sagen, wenn Europa seine Grenzen aufmachen und all die Glücksritter, politisch Verfolgten und Arbeitssuchenden aus Nordafrika und Osteuropa sich hier niederlassen könnten. Dass die EU ihre Außengrenzen mit Zäunen, Stacheldraht und Infrarotmelder sichert, um den ungezügelten Zuzug von Asylanten und Armutsflüchtlingen zu unterbinden, ist ebenso im Interesse des Lombarden, Niederbayern oder Katalanen wie die Forderung, dass sie ihre Subventionspolitik fortsetzt, hohe Einfuhrzölle auf Agrarprodukte erhebt und sie dadurch unverkäuflich macht.

Damit will ich nur sagen: All diese Themen sind weit vielschichtiger und komplizierter, als es sich diese bunte Truppe vielleicht vorstellt. Asiatische oder afrikanische Kulturen sehen viele westliche Selbstgewissheiten anders: Kinderarbeit, den Vorrang der Familie vor dem Individuum, das Zeitbudget usw. Und auch die enge Verbundenheit eines, sagen wir mal, bretonischen Landwirts mit dem Reisbauern in Bangladesh hält sich daher in Grenzen. Bei Meinungsumfragen mag es zwar eine Bereitschaft für eine unmittelbare Verbesserung der Lebensverhältnisse in Asien, Afrika oder Lateinamerika geben; sie werden auch, sollten sie "Christenmenschen" sein, den Luxus der Reichen auf Kosten der Armen anprangern und für einen fairen Welthandel plädieren; steht aber der eigene Arbeitsplatz zur Disposition, die Pendlerpauschale oder die Erhöhung der Praxisgebühr, werden sie sich kaum noch dafür begeistern. Dann ist ihnen das eigene Hemd näher als der afrikanische Rock.

Sicher kann die Politik mit Beschlüssen wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbessern. Sie kann Dynamiken auslösen, Geldströme umsteuern und Produktionszyklen hemmen. Doch wie sich ihre Entscheidungen auf Produktion und Nachfrage auswirken, welche Nebeneffekte sie möglicherweise zeitigen, bleibt stets ungewiss. Die Politik ist, wie jedes andere soziale Systeme auch, dem Spiel von Versuch und Irrtum unterworfen. Die G-8, die OPEC oder eine angeträumte Weltregierung machen da keine Ausnahme. Wie mächtig die Nation oder Organisation auch immer ist, letztlich ist auch sie nur Akteur in einem Marktgeschehen, das sich seine Waren, Produzenten, Stützpunkte und Profite selbst sucht.
BG: Wie kann die Kritik langfristig im Mittelpunkt des Interesses bleiben, oder sollte sie wie bislang punktuell anlässlich bestimmter Events aufflammen?

RM: Dass diese Themen auf der Agenda bleiben, dafür sorgen sowohl Medien als auch Protestierer. Für beide ist es ja auch ein lohnendes Geschäft. Für die einen, um Quote zu machen; für die anderen, um herumzureisen und im Gespräch zu bleiben. Nimmt man all die Gegen-Gipfel, Konferenzen und alternativen Treffs, die auf der ganzen Welt dazu stattfinden, so hat sich mittlerweile auch unter den NGOs eine globale Elite entwickelt, die versorgt und beschäftigt werden will. So gesehen müssen sie hoffen und beten, dass G8-Gipfel künftig nicht doch auf einsamen Inseln, in der Antarktis oder im Weltraum stattfinden.

Letztlich wissen auch die protestierenden Marschierer: Die Geschichte, verstanden als blutiger Konflikt widerstreitender Kräfte, ist seit dem Fall der Mauer und dem Sturz des Kommunismus zuende. Es gibt keine "großen Erzählungen" mehr, die überzeugen könnten. Vermutlich auch nicht der politische Islamismus, der versucht, einen neuen Krieg um (kulturelle) Anerkennung anzufachen und den “vakanten” Platz des Sklaven zu besetzen.

Die Macht hat keine konkrete Namen und Adressen mehr. Die flache Welt, die die Globalisierung schreibt, hat keinen geeigneten Ansprechpartner mehr. Märkte, Rechnernetze und Börsen schöpfen ihre Kraft und Dynamik gerade aus ihrer Anonymität, Unverfügbarkeit und Neutralität. Die Erwartung, dass sich diese Entwicklung vom Kabinettstisch aus gestalten oder dirigieren ließe, hat etwas Rührendes an sich. Die Weltgesellschaft ist die erste, welche im Posthistorie angekommen ist.

Das ist auch der tiefere Grund, warum sich Krawallmacher und Protestumzügler neuerdings wieder mit Maske, Schminke und Mimikry drappieren und sich zum Clownesken und Karnevalsken hingezogen fühlen. Der aufgeklärte Protestierer handelt nur noch "als ob". Statt zu kämpfen, will er "Zeichen setzen"; und weil er sich schuldig fühlt, wenn ein Pflasterstein fliegt, trifft er mit Polizei und Behörden klare Absprachen, wie der Protestzug zu verlaufen hat, damit der Medientross ungestört darüber berichten kann.

Den meisten unter ihnen geht vor allem darum, dass bunte und jugendbewegte Bilder um die Welt gehen, die vom friedlichen Protest künden. Man geht gewiss nicht ganz fehl in der Annahme, darin jenen berühmten "Sonntagsspaziergang" zu erblicken, den Hegel nach Abschluss der Geschichte zur Alltagsform und zum Lebensinhalt aller erkoren hat. Ob der in Form von Klamauk, in Maskerade oder mit Randale stattfindet, bleibt letztlich unerheblich.

BG: Welche Rolle spielen Neue Medien und der Medienaktivismus dabei?

RM: Geht es um politische Agitation, halte ich wenig von Medienaktivismus und den Neuen Medien. All die Blogs, die es dazu gibt, sind mir viel zu subjektiv. Kein Mensch kann überprüfen, wieviel “Wahrheit” oder “Realität” hinter diesen Wortmeldungen steckt.

Im Übrigen ist das kein neues Problem, das mit Vernetzung und Digitalisierung uns erreicht hätte. Schon vor etlichen Jahrzehnten entdeckte man die authentische Berichterstattung als Agitprop. Beispielsweise bot man im WDR mit “Vor Ort” streikenden Arbeitern bei Ford oder Bürgerinitiativen vor dem Atomkraftwerk Whyl eine Plattform bot. Die Leute konnten ausreden was ihnen auf der Seele lag, ohne dass ihre Aussagen durch Politiker-Statements relativiert wurden. Auf diese Weise wurden schon damals Agitationsmuster jugendlicher Subkulturen, künstlerischer Avantgarden oder politischer Aktivisten subversiv in die öffentlich-rechtlichen Kanäle eingeschmuggelt. Große Folgen hat das aber schon damals nicht gezeichnet.

Andererseits misstraue ich der “Weisheit der Massen” generell. Die Masse ist dumm und gefährlich. Schnell kann er sich zum Mob entwickeln. Dazu braucht man sich nur ein paar Tage in einschlägigen Foren oder Blogs aufhalten. Was vor Jahren mal als "basisdemokratische" Einrichtung gefeiert worden ist, als direkter Kontakt zum Leser oder Hörer, hat sich längst in sein Gegenteil verkehrt. Von einer Kultur des Streitens und Debattierens ist nichts übrig geblieben. Der Ton ist rüde, der Stil verroht, die Sprache versaut.

Die Anonymität, die den Beiträgern zugesichert wird, verstärkt diesen negativen Trend. Seitdem macht sich dort ein digitaler Hoologanismus breit, der zunehmend von Wichtigtuern, Halbgebildeten und Besserwissern, von Rechthabern, Selbstdarstellern und digitalen Heckenschützen befeuert wird. Dass ausgerechnet dieser Mob und Pöbel es besser weiß oder kann als entwickelte politische Institutionen, wage ich zu bezweifeln.

Gewiss kann man an Hierarchien, Kontrollinstanzen und Meinungsführerschaft viel herumnörgeln, die ideologische Verbohrtheit vieler Kunden und Klienten zeigt aber auch Vorzüge der "repräsentativen Demokratie". Und solange es Konkurrenz und Wettbewerb unter den einzelnen Medien gibt, muss man sich keine Sorgen machen, dass der Öffentlichkeit allzu viel vorenthalten bliebe.

http://www.berlinergazette.de/?cat=8 vom 24.9.2007.


1. Der Nutzer als Flugobjekt

Rudolf Maresch im Gespräch mit Jan Dreyling-Eschweiler (Hamburg) über die Besiedlung des Datenmeeres, die chinesische Monroe-Doktrin und die Maschen der Netz-Metaphern.

Herr Maresch, auf Ihrer Homepage steht ein Adorno-Zitat: „Sich nicht von der Macht der Anderen und auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen.“ Ist das für Sie so etwas wie ein Denk-Zettel, den man sich immer vor Augen halten muss, wenn man sich ins Internet begibt?

Rudolf Maresch: Dieser Spruch ist in den letzten Jahren zu einer Art Lebensweisheit für mich geworden. Ich stellte fest, dass man im jugendlichen Alter als politischer Romantiker von verschiedenen Theoriesträngen fasziniert wurde. Wenn man sich aber näher auf Struktur und Architektur einer Theorie einlässt, bemerkt man mit der Zeit, dass diese verschiedenen Theorien doch sehr begrenzt sind und sich sogar gegenseitig durchkreuzen. Außerdem sind Theorien auch immer von Moden, vom Zeitgeist, aber auch, wie Michel Foucault sagt, von Macht geprägt. Davon sollte man sich nicht zu schnell verführen lassen. Diese Art von Skepsis ist mir inzwischen eigentlich sehr genehm.

Wie kann für Sie angesichts dieser Skepsis Information aus dem Internet dann überhaupt glaubwürdig erscheinen?

Auf der einen Seite informiere ich mich bei ganz bestimmten Quellen. Dazu gehören die Internetauftritte der „großen“ Zeitungen, F.A.Z., SZ, Frankfurter Rundschau und anderer, aber auch Texte und Schriften von Leuten, die mich intellektuell anregen, die auch mal was Überraschendes, gegen den Mainstream oder abseits moralischer Korrektheiten, probieren und riskieren und so meinen Geschmack ansprechen. Andererseits gibt es daneben diesen riesigen Bestand an ungesicherten Daten, bei dem die Glaubwürdigkeit mehr oder weniger auf tönernen Füßen steht.

Wie geht man mit diesen Daten um?

Man braucht Erfahrung beim Umgang mit der Informationsbeschaffung. Natürlich kann man manchmal beobachten, dass Schüler oder Studenten sich zu sehr oder zu rasch auf das Suchergebnis von Google verlassen. Und wenn der Erfahrungsschatz noch nicht vorhanden ist, kann es auch passieren, dass bestimmte Inhalte falsch interpretiert werden. In dieser Hinsicht bedarf es eben einer gewissen Medienkompetenz, und es sind Erzieher und Pädagogen gefordert, diese zu vermitteln.

Fehlt der jetzigen Jugend diese Medienkompetenz?

Das war bei uns früher auch nicht anders. Auch wir mussten erst mühsam lernen, mit einem Meer an Daten umzugehen, wobei für uns der Zugang und die Möglichkeiten natürlich noch beschränkter als heutzutage waren. Wenn man z.B. in der gymnasialen Zeit Goethe behandelte, hat man auch auf Interpretationsheftchen zurückgegriffen und Äußerungen bzw. Kommentare gewisser Weise sakrosankt übernommen. Erst später an der Universität merkt man, dass überall bestimmte Theorien, Ressourcen und Machtpositionen dahinter stehen. Dann relativiert sich das, was man liest, deutet oder sich anzueignen versucht. Letztendlich hat sich beim Thema Glaubwürdigkeit durch das Netz nicht viel verändert. Allerdings sind die Quellen und Adressen vielfältiger geworden, auch was Copy & Paste angeht und was für Lehrer mittlerweile ein Riesenproblem darstellt.

Auf Ihrer Homepage findet man all Ihre Texte, aber auch Kritiken über Sie. Wollen Sie damit Ihre eigene Glaubwürdigkeit stärken?

Ich will mit meiner Homepage eigentlich ganz wenig. Ich verstehe sie vielmehr als eine Art Speicher von Texten, den ich öffentlich zugänglich mache. Wer Lust hat, sich zu bedienen, der kann sich bedienen. Das ist viel besser, als dass die Texte in irgendeiner Bibliothek verstauben.

Also ganz im Sinne der ursprünglichen Internetansätze, die freie Informationen für alle forderten …

Ja, natürlich. Das ist doch das Tolle am Internet. Wenn ich jetzt beispielsweise den neuesten Kommentar von Robert Kagan in der Washington Post oder die neueste Ausgabe der Foreign Affairs lesen will, muss ich nicht mehr in die Bibliothek oder an den Kiosk im Bahnhof rennen, sondern ich kann mir, vorausgesetzt die Information ist frei und kostenlos, über das Netz alles hier nach Hause holen. Wenn ich das Internet als Informationsmedium nutze, dann ist das für mich vollkommen ausreichend. In dieser Hinsicht muss ich ehrlich sagen: Das Netz ist eine der phantastischsten Erfindungen, die die Menschheit gemacht hat. Es ist natürlich sehr schade, dass sich allmählich ganz bestimmte Strukturen im Netz abbilden.

Welche Strukturen meinen Sie?

Zum einen werden gewisse Wirtschaftsstrukturen übernommen. Man kann im Internet natürlich nicht nur Selbstausbeutung betreiben, denn die Leute müssen auch irgendwie ihre Firma über Wasser halten und Geld verdienen. Zum anderen ist es sehr interessant zu beobachten, dass sich allmählich auch Machtstrukturen, ja sogar geopolitische Strukturen in das Netz einschreiben. Das erkennt man beispielsweise an der aktuellen Politik Chinas: China versucht, eine Art „Monroe-Doktrin“ in Form von Firewalls aufzubauen, um damit zu kontrollieren, welche Daten und Informationen an den Bürger gelangen und welche nicht.

Wird also das einst freie Netz immer mehr zu einer Kopie bestehender Verhältnisse?

Ja, aber zugleich bewirkt ein neues Medium auch gewisse Rückstrahl- und Rückstoßbewegungen, sodass sich alte Strukturen auch umformen können. Es kommt vielmehr zu einer Hin- und Herbewegung zwischen alten und neuen Strukturen. Deswegen ist auch der „Fall China“ so interessant.

Wo kann man angesichts dieser Dynamik überhaupt ansetzen, um das Phänomen „digitales Netzwerk“ zu verstehen?

Ich würde den Weg der Beschreibung über verschiedene Metaphern wählen. Eine der ersten Bezeichnungen für das Internet war die „Datenautobahn“, an die man angeschlossen ist. Auf der Autobahn gibt es einerseits Personen, die auf der Überholspur sind, und andererseits diejenigen, die langsamer vorankommen. Auch Metaphern wie „global village“, „digitale Stadt“ oder auch der Begriff der „Telepolis“ können dieses Netzwerk beschreiben. Dort gibt es viele lebendige Marktplätze, Häuserschluchten, in denen man sich leicht verlaufen kann, und auch Ecken, die durchaus gefährlich sein können. Ein weiterer Versuch, das Netz zu beschreiben, kann mit Hilfe des „global brain“, des „Superhirns“ oder der „großen Bibliothek“ geschehen – das Internet als ein riesiger Speicher, in dem nichts verschwindet, oder wenn etwas verschwindet, so hatte es keinen Wert, dies aufzuheben. Oder man nehme den Begriff des „Cyberspace“ – das Internet als kybernetischer Raum, den man besiedeln und damit den öden Planeten verlassen kann. Da kommt ein gewisser extraterrestrischer Aspekt zum Tragen.

Auf was für Gefahren kann man denn stoßen, wenn man – um in Ihrer Metapher zu bleiben – sich in einer Häuserschlucht verirrt?

Man sollte stets bedenken, dass das Internet nicht gegründet worden ist, weil sich findige Leute zusammengesetzt haben und wollten, dass Herr Maresch die Foreign Affairs sofort auf seinem Schreibtisch hat. Sondern es ist von den US-Militärs „freigelassen“, also „demokratisiert“ worden, um „Welt zu erobern“, das heißt, andere Kulturen und Nationen mit den eigenen oder westlichen Produkten, Normen und Marken zu infizieren. Wenn es um Kommunikation geht, darf man den altmarxistischen Begriff der Interessen nicht ganz vergessen. Ein Medium ist immer auch „Instrument und Waffe“. Im Netz wird zwar permanent versucht, den User als Flugobjekt einzufangen und zu treffen. Und es gelingt auch meist. Dennoch bleibt immer ein Rest, eine Ungewissheit, ob oder wie er getroffen wird. Dies wird mit der Formulierung „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“ von Niklas Luhmann sehr gut deutlich: Sie machen ein Sprechangebot und wollen damit gleichzeitig in gewisser Weise Ihr Gegenüber beeinflussen und manipulieren. Ob dies aber gelingt, darüber haben Sie als Sender einer Botschaft letztendlich keine Macht oder Kontrolle. Der Nutzer am anderen Ende kann letztlich immer noch entscheiden, die Information einfach in den Papierkorb zu werfen.

Muss man sozusagen ein multidisziplinärer Typus sein und sich verschiedener Gebiete wie der Politik, der Wirtschaft, der Soziologie, der Technologie und der Psychologie bedienen, um das Internet richtig zu beschreiben? Muss man von allem ein bisschen wissen, aber dafür nichts richtig?

Dass es jemanden gibt, der das Internet in einem umfassenden Sinne richtig beschreiben kann, glaube ich nicht. Aber man kann bestimmte Aspekte metaphorisch genauer fassen: Der Gegensatz zwischen „Land und Meer“, den Carl Schmitt beschreibt, spiegelt in besondere Weise eine solche Eigenschaft des Internets wider. Wir, die Menschen, sind Landbewohner, die sich als Abenteurer und Wagemutige in das unsichere und unbekannte Datenmeer begeben. Wobei ich die Metapher des Meeres nicht überstrapazieren möchte, da der Cyberspace natürlich ein qualitativ ganz anderer Raum ist, einer, der aus digitalen Codes und Programmen besteht. Trotzdem wird mit der Zeit dieses Meer besiedelt, aus dem reinen Meer wird ein Meer, welches vermessen und „gekerbt“ wird und dem Verkehrslinien, Knoten und Stützpunkte in Form von Adressen, Daten und Befehlen verpasst werden. Es bilden sich also wieder die alten Strukturen ab.

Und welche Metapher ist nun die beste?

Das kann keiner entscheiden, da jede Beschreibung ein Teilrecht hat und gewisse Aspekte mehr oder weniger gut mit einschließt. Aber dass es die eine Generalmetapher gibt, die das Internet vollständig darstellen und beschreiben kann, glaube ich nicht. Es gibt also vielmehr diese ganz unterschiedlichen Metaphern, um sich dem Netz von verschiedenen Blickwinkeln aus anzunähern. Der Weg über die Metaphern ist für mich ein guter, ohne jedoch zu behaupten, dies wäre die einzige Herangehensweise. Das ist genauso wie mit den Wissenschaften. Ich muss mich nicht unbedingt wie Goethes Faust durch alle Wissensgebiete durcharbeiten, sondern ich kann mich durchaus überall ein bisschen bedienen. Derzeit bietet für mich Carl Schmitt den interessantesten Zugang, sich den Cyberspace als „neue Raumrevolution“ zu denken, wobei Raumnahme immer auch die Dimension der Zeit mit einschließt. Ich kann mich aber auch mit Luhmann hineinbegeben, mit Friedrich Kittler, mit Michel Foucault oder mit einem anderen Theoretiker. Danach muss man eben bewerten, wie gut dieser Weg die Realität des Netzes trifft – wobei „Realität“ natürlich ein schwieriger und problematischer Begriff ist.

Dann ist es also sehr wichtig, dass man offen ist, um nicht nur in eine Richtung zu driften …

… und um auf Adorno zurückzukommen: „Sich nicht von der Macht der Anderen, aber auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“. Zusätzlich gibt es für mich ein kleines Motto: Sich überraschen lassen! Aber nicht diese euphorische, optimistische Erwartungshaltung einnehmen, sonst man wird ständig enttäuscht. Sondern eigentlich eher den umgekehrten Weg einschlagen und immer mit der Enttäuschung rechnen. Umso freudiger wird es, wenn es doch gelingt. Dann hat man mehr davon.

Telefoninterview geführt am 1.12.2005.


2. Das Medium schafft die Botschaft

Ein Gespräch mit Meike Wanner (Trier) über die Rolle von „Web- bzw. Warblogs" und deren Verhältnis zum "Journalismus bzw. Krisenjournalismus“


MW: Wann und wie sind Sie zum aktiven Blogger geworden?

RM: Ich würde mich nicht als „aktiven“ Blogger bezeichnen. Dazu mache ich das viel zu sporadisch und viel zu wenig konsequent. Und auch nur dann, wenn sich ein Thema unmittelbar anbietet, es mich speziell interessiert und es sich, aus meiner Sicht, dazu eignet.
Dass ich ab und an einen Kommentar ins Netz stelle, hat mit der „Struktur“ der Webseite zu tun. Das Format schafft die Nachfrage. Oder, wenn Sie so wollen, das Medium zwingt mich zur Botschaft. Dadurch ist es wohl zum „Bloggen“ gekommen – auch wenn ich das (in meinem Fall) nicht so nennen würde.

MW: Was bedeutet Ihnen persönlich das Bloggen und Ihr Blog?

RM: Ich knüpfe daran keine großartigen Erwartungen, weder Wünsche noch Hoffnungen. Es hat sich, wie gesagt, einfach so ergeben. Manchmal wird es eher zur Last. Durch die Vorlage, die das Medium macht, fühlt man sich bisweilen gezwungen, mal wieder etwas hineinschreiben zu müssen, obwohl man es vielleicht gar nicht will. Andererseits bietet es aber sicher auch die Möglichkeit, auf Neuigkeiten oder Besonderheiten aufmerksam machen zu können.

MW: Die Zahl der Weblogs in Deutschland ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen und dieser Trend hält weiter an. Wer sind „die Blogger“ und was zeichnet diese Menschen aus?

RM: Zum einen sind das gewiss professionelle Schreiberlinge, Journalisten, Autoren usw., die aus der derzeitigen Krise des Journalismus eine Tugend gemacht haben und das als willkommene Gelegenheit nehmen (Ich-AG), sich einen Namen zu machen; zum anderen dürfte es sich da aber auch um eine Reihe von Wichtigtuer, Selbstdarsteller und andere seltsame Gestalten handeln, um Leute also, die, aus welchen Gründen auch immer, einen persönlichen Drang verspüren, ihren „Nachbarn“ etwas mitteilen zu müssen. Ein Online-Tagebuch gibt ihnen die willkommene Möglichkeit, Aufmerksamkeit bei anderen Leuten zu bekommen, die sie sonst nicht haben würden. Solche absonderliche Gestalten findet man aber ständig im Netz, in Netzforen, Newsgroups, Chatrooms usw. Das Netz scheint diese Figuren magisch anzuziehen.

MW: Nennen Sie bitte Vor- und Nachteile, die das Medium Internet aus Ihrer Sicht mit sich bringt.

RM: Da gäbe es natürlich vieles zu sagen. Ich will mich mal nur auf das beschränken, was mich persönlich bewegt:
Da ist zum einen die einfache und „kostenlose“ Informationsgewinnung. Durch das Netz erspart man sich lästige Wege in Bibliotheken, wie das Ausleihen oder den Kauf von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen, CDs usw. Zwar sind diese Wege in den letzten Jahren von den Verlagen zunehmend erschwert worden. Weil sie meinen, dass ihr Produkt dadurch Schaden nehmen würde, haben sie den Zugang dazu erschwert und Zugangskontrollen in Form von Mautgebühren eingeführt. Das ist aber ein Problem der Macher und nicht der Nutzer. Denn all das führt nur dazu, dass bestimmte Artikel dann halt nicht rezipiert werden. Jedenfalls bin ich weder bereit, irgendwelche Cent-Beträge für bestimmte Texte zu löhnen, die sich hinterher dann auch noch als ziemlich inhaltsleer erwiesen, noch will ich irgendwelche E-Papers abonnieren. Einige Verlage scheinen das allmählich zu begreifen, dass sich das für sie nicht rechnet.
Das andere ist natürlich der schnellere und direktere Weg zum Leser, Kunden oder Konsumenten. Im Netz wird die Schwerkraft und -fälligkeit, die viele Redaktionen auszeichnet, einfach außer Kraft gesetzt. Man kann viel rascher Informationen weitergeben und auf diese Weise Aufmerksamkeit finden.
Die Nachteile sind natürlich der ganze Müll und Dreck, der einem so den ganzen Tag um die Ohren fliegt. Als Privatmensch hat man es vergleichsweise noch gut, weil man täglich vielleicht nur von 30 Spams oder Spinnern bombardiert wird. Aber für eine Firma oder einen Redakteur kann das schon entmutigende Zustände annehmen.
MW: Was zeichnet die Blogs im Vergleich zu anderen Medien aus? Was sind die spezifischen Stärken und auch Schwächen?

RM: Die Stärke der Blogs ist zugleich auch ihre Schwäche. Wer bloggt, braucht keinen Zensor oder Lektor mehr zu fürchten. Er ist sozusagen „vogelfrei“ und kann (fast) alles schreiben, was er will. Der offene Markt entscheidet dann, ob das, was er schreibt, gelesen wird oder nicht.
Für den Nutzer ist es naturgemäß schwer, die Quelle, die er da ansteuert, zu beurteilen. Es kommt also sehr stark auf das Vertrauen an, das der Nutzer in den Blog setzt. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich seit dem Aufstieg des Netzes zum globalen Kommunikationsmedium Verschwörungstheorien größter Beliebtheit erfreuen.
In Krisenzeiten, siehe Irak-Krieg oder bei Bombenterror in Madrid oder London, werden solche Quellen mittlerweile sehr hoch gehandelt. Häufig werden sie, weil sie offenbar authentische Berichte über die Lage vor Ort geben, als Informationsquelle genutzt und gleich für bare Münze genommen.
Wie weit sie das wirklich sind, ist vom Bildschirm aus außerordentlich schwer zu beurteilen. Es muss sich da gar nicht um bewusste Manipulationen handeln. Man erhält halt einen persönlich gefärbten Eindruck der Lage auf den Schirm, der durch einen anderen Blog, also andere persönliche Eindrücke, sehr schnell wieder konterkariert werden kann. Die Perspektiven haben sich dann einfach vervielfacht, ein typischer Fall von Postmoderne würde ich sagen.

MW: Was glauben Sie, wie die Blogger von Journalisten gesehen werden? Wie beurteilen Sie persönlich das Verhältnis Blogger - Journalist?

RM: Da bin ich etwas überfragt. Vermutlich gibt es da inzwischen aber schon eine Art von Rivalität und Konkurrenz. Zumindest in Ameríka, wie man hört. Auf der einen Seite haben wir die Leute, die den Journalismus von der Pike auf gelernt haben, und in den traditionellen Medien kontrollierte Kärrnerarbeit machen; auf der anderen Seite haben wir etliche Hobby-Journalisten, freie Journalisten und Quereinsteiger, die sich diese Art von Muße, aus welchen Gründen auch immer, gönnen oder sie zum Zweitberuf erkoren haben.
Letztlich wird sich aber auch hier der Mainstream-Journalismus durchsetzen. Zumal da eine Menge Macht und Kapital dahintersteht. Viele Blogger werden das, wenn sie es denn zu etwas mehr Ruhm gebracht haben, aufgeben und sich von den Verlagen aufkaufen lassen. Auch Blogger sind Menschen und wissen Sicherheit, also die monatliche Gehaltsüberweisung, zu schätzen.

MW: Was könnten die Gründe dafür sein, dass es bereits Menschen gibt, die es vorziehen, ihre Informationen aus Weblogs zu beziehen und sich von den konventionellen Medien und ihren Vertretern abwenden?

RM: Die hat es auch schon in den 1960er und 1970ern gegeben, als im Zuge der Frequenzenöffnung sich Alternativradios und -sender breit gemacht haben. Plötzlich konnten Sie im Radio kaum noch einen Sender in Ruhe anhören, weil beim Standortwechsel ein anderer Sender dort hineinfunkte. Oder blicken wir nur auf den ganzen Bereich der Fanzine-Magazine, die offenbar immer wieder neue Zielpublika finden. Damit will ich nur sagen: Das hat es immer gegeben, wenn sich ein neues Medium etabliert oder sich ausdifferenziert hat.
Letztlich konsumieren aber auch diese Leute die Mainstream-Medien. Sie hören, wenn Sie so wollen, Maximo Park, The Rakes oder Fler, gegen gleichzeitig aber auch zu Bruce Springsteen, Coldplay oder U2. Warum machen sie das? – Einfach deswegen, weil auch sie Qualität zu schätzen wissen und sich, wie McLuhan sagt, am Dorffeuer erwärmen wollen. Auch diese Leute gucken, wenn sie ideologisch nicht allzu verbohrt sind, gern Fußball, erfreuen sich an der Kraft von Lance Armstrong oder wollen wissen, warum ein Misstrauensvotum gescheitert ist.

MW: Salam Pax, ein junger Iraker, schrieb über die Angriffe der Amerikaner auf Bagdad in seinem Weblog. Denken Sie, dass Weblogs sich im Bereich Krisenjournalismus in Form der sogenannten „Warblogs“ durchsetzen werden?

RM: Durchsetzen ist vielleicht zu hoch gegriffen. Weblogs können und werden in solchen Zeiten, wo Kommunikationsnetze kurzzeitig zusammenbrechen, sicher als Quelle von Lageberichten wertvolle und auch nützliche Dienste leisten verrichten können. Ersetzen können sie professionelle Medienarbeit sicherlich nicht.
Wer will schon beurteilen, ob es sich da nicht um bewusste Täuschungsprogramme der einen oder anderen Partei handelt? Letztlich weiß man durch Warblogs auch nicht mehr, als wenn man CNN, n-tv oder die BBC guckt oder von „embedded“ Journalisten durch die Wüste geleitet wird. Da ist mir viel zu viel Naivität, Ideologie und Glaube an die Politik des „guten Wilens“ drin. Eine Information ist nicht schon deswegen „gut“, weil sie von einem Blogger stammt.

MW: Was ist Ihre Prognose für die Weblog-Szene in Deutschland? Glauben Sie, dass die Entwicklung ähnlich verlaufen wird wie in den USA, wo gelegentlich bereits von einem Durchbruch zu einem anerkannten Medium gesprochen wird?

RM: Prognosen tragen den Grund ihres Scheiterns immer schon in sich. Deswegen heißen sie ja auch so. Aber vermutlich handelt es sich da um denselben Effekt, den wir bereits in den 1980ern bei diversen Piratensendern erlebt haben, als jeder Aktivist glaubte, er müsse einen eigenen Sender, eine eigene Radiostation oder einen eigenen Verlag aufmachen. Wie es der Alternativszene schließlich ergangen ist, ist bekannt. Nach vielen Jahren der Selbstausbeutung haben viele Medienbewegte entnervt oder aus Geldmangel wieder aufgeben müssen. Einige haben sich von größeren Sendern aufkaufen lassen, andere haben sich bei den Etablierten verdingt oder haben sich einfach ganz anderen Dingen zugewandt.
Sollte es wider Erwarten doch einigen Bloggern gelingen, sich gegenüber der Medienmacht der Etablierten zu behaupten, dann ist die Medien-Familie einfach größer geworden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Online geführt am 13.7.2005.


3. Neue Gewaltkriegsordnung

Ein Gespräch mit Krystian Woznicki über die geopolitische Lage nach Ende des Irakkrieges


KW: Was ist das mindset des Geopolitikers von heute?


RM: Aktuell wird es wohl von zwei Erfahrungen geprägt: Von der Weltherrschaft der USA und der Bedrohung, die von einer ungezügelten Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Schurkenstaaten ausgeht. Mit Ersterem wird ausgedrückt, dass das amerikanische Imperium aufgrund seiner militärischen Stärke intervenieren und die Normen und Standards der internationalen Gemeinschaft bestimmen kann, wo immer und wann immer es ihr belieben; das Andere hingegen bedeutet, dass in Gottes eigenem Land Paranoia und Sicherheitswahn grassieren. Die Hypermacht fürchtet, zum Ziel weiterer Terroranschläge zu werden, die apokalyptischere Ausmaße annehmen könnten. Dem möchte man vorbeugen und vorsorglich die Zähne ziehen. Wenn man will, kann man in dieser Furcht auch die Schwäche, die Brüchigkeit und tiefe Verletzlichkeit der Pax Americana entdecken. Man stelle sich vor, mehrere elfte September würden gleichzeitig über die Weltmacht hereinbrechen.

Diese beiden Realitäten: Neues Rom und Implosion der Monroe-Doktrin haben die geopolitische Lage binnen Jahresfrist total verändert und die Ordnung von Jalta außer Kraft gesetzt. Davor, also vor 1989 und 9/11, war das Mindset durch das „Gleichgewicht des Schreckens“ (Balances of Power) und der Eindämmungspolitik (Containement) des sowjetischen Imperiums definiert. Ein halbes Jahrhundert lebte der Westen recht gut davon. Zwischen den beiden Weltmächte herrschte trotz diverser blutiger Händel in Afrika, Asien und im Mittleren Osten weitgehend Konsens über die Aufteilung der Welt. Die Sowjetunion herrschte etwa über ein Drittel, während die USA den Rest der Welt kontrollierte. Für Europa erwies sich diese Politik, wie man aus der Rückperspektive jetzt wahrnimmt, als Glücksfall. Im Schatten dieses von Mittelstreckenraketen bewachten Posthistorie konnte es unter dem Schutzschirm des amerikanischen Sponsors sich politisch einigen und wirtschaftlich prosperieren.

Mit dem Kollaps des kommunistischen Feindes und seiner Befreiungstheologie ging diese Ruhe verloren. Für kurze Zeit sah es so aus, als ob mit dem Niedergang der Sowjetmacht auch die amerikanische Ära zuende gehen, die politische Macht sich dezentral organisieren und sich beispielsweise nach Tokio und Brüssel verlagern würde. Doch nicht nur die Deflation Japans strafte dieser Erwartung Lügen. Auch und vor allem der Krieg auf dem Balkan machte die Unfähigkeit der Europäer deutlich, Konflikte an ihrer Südflanke politisch und militärisch in Eigenregie handeln zu könnte. Erneut brauchte es B-52 Bomber und die logistische Unterstützung der US-Streitkräfte, um die ethnischen Leidenschaften unter Verschluss zu bringen und die dortige geopolitische Krisenlage zu entschärfen und zu beruhigen.

Der elfte September wiederum hat die europäischen Hoffnungen zunichte gemacht, die auf ein von transnationalen Kooperationen, Verträgen und verbindlichen Regeln getragenes internationales System gerichtet waren, welche die Macht, den Einfluss und die Neigung des amerikanischen Kolosses, Probleme nach Gutsherrenart zu lösen, zügelt. Alle Solidaritätsbekundungen, Gedenkminuten und Speichelleckereien haben nichts genützt. Durch den Anschlag ist in Amerika das unipolare Moment gestärkt worden. Schon deswegen markiert der elfte September eine tiefe Zäsur im weltpolitischen System. Statt sich mit zögerlichen und zaudernden Bedenkenträgern auf langwierige Verhandlungen und Problemlösungen einzulassen, bevorzugt man am Potomac nun die Politik der Hemdsärmeligkeit und der handstreichartigen Lösungen. Seit diesen Tagen definiert nicht mehr die Koalition die Mission, sondern die Mission die Koalition. „Multilateralismus à la carte“, nennt Richard N. Haass, Direktor und Stratege des Brookings Instituts diese Haltung. Diese Politik wechselnder Partnerschaften und Allianzen führt soweit, dass nun auch Russland, das ehemalige „Reich des Bösen“, an den Westen gebunden wird.

Auf der geo- und machtpolitischen Ebene bedeutet das, dass nun wieder die Raummächte (Hard Power) den Ton angeben. Sie haben sozusagen die Zeitmächte (Soft Power) abgelöst. Was vor 9/11 die Losung von Idealisten, Realisten und Liberalen war, nämlich durch Werte und Ideen, Prinzipien und Lebensart Völker, Nationen und Kulturen von der Überlegenheit und Strahlkraft des Westens und seiner Kultur zu überzeugen, ist nun wieder zweitrangig geworden.

Interessanterweise geht mit diesem Shifting auch ein Niedergang modischer Diskurse (Postmoderne, Systemkonstruktivismus, Dekonstruktivismus, Cyberkultur) einher. Abgezeichnet hat der sich allerdings schon vorher. Durch 9/11 wird er sozusagen Realität und ins Bewusstsein der Menschen katapultiert.
Gewiss spielen Reputation, Images und Lebensstile immer noch eine große Rolle, wenn es darum geht, die Definitions- und Kulturhoheit in anderen Ländern und Regionen zu gewinnen. Der Free Flow of Information, der durch Massenmedien und Internet ungeahnte Möglichkeiten bekommt, ist nach wie vor nicht geringzuschätzen. Vor allem Europa spielt inzwischen auf dieser Klaviatur einen hervorragenden Part, indem es weltweit mit den Pfunden der sozialen Gerechtigkeit und eines universellen moralischen Bewusstseins wuchert und damit eine Alternative und ein „neues Sendungsbewusstsein“ demonstriert. Kommt es aber hart auf hart, erweist sich der Kaiser, wie wir hierzulande jetzt erkennen müssen, als nackt. Im Zweifelsfall kommt die Macht immer noch aus Gwehrläufen.
Der Krieg in Afghanistan, und die hitzigen Debatten, die derzeit über ein Für und Wider eines Krieg im Irak geführt werden, vernebeln eher diese geopolitischen Veränderungen. Unbeirrt, munter und analog der Microsoft-Strategie "embrace and extend" schreiten die USA auf ihrem Weg voran, eine Weltordnung nach ihren Spielregeln zu etablieren. Die in West Point angekündigte und in der NSS niedergelegte neue Doktrin der „vorbeugenden“ Krisenentsorgung und des „regime change“ in unliebsamen Staaten sind Zeichen diesen neuen Machtwillens, dem es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten klarerweise um eine Neuordnung des Größeren Mittleren Ostens gehen wird. Öl ist da nur ein interessanter Nebeneffekt.

Die Frage wird sein, ob und inwieweit sich Europa diesen geostrategischen Zielen der USA unterwerfen wird oder sich ihnen entziehen kann oder will. Wird sie sich zu einer eigenen Strategie durchringen und damit zum Gegenspieler der USA werden oder wird es an den Brosamen, die ihnen das Imperium hinterlässt, lieber partizipieren. Differenzen, Zwistigkeiten und tiefe Zerwürfnisse über diese und andere Fragen deuten eher auf ein Auseinanderdividieren der beiden Mächte und Kulturen. Mancher Geopolitiker menetekelt deswegen bereits vom "Ende des Westens". Die These stammt von Charles A. Kupchan, der das Gespenst eines neuen Byzanz malt, die sich vom neuen Rom gelöst hat.

Eine Bemerkung vielleicht noch zu den global thinkers. Meinem Eindruck nach handelt es dabei um eine Kaste der Inzucht, die sich sozusagen gegenseitig nährt und damit selbst erhält. Wenn man will, ein besondere Art von Seilschaften oder Spezialwirtschaft, aus denen sich die Führungseliten - Berater, Minister, Staatssekretäre – rekrutieren. Und zwar jenseits der politischen Lager. Komischerweise gehen daraus fast nie Präsidenten hervor. Die werden in aller Regel von den Geldclans gepusht. Was daran einzigartig, vorbildhaft oder noch Demokratie sein soll, ist mir, gelinde gesagt, schleierhaft.


KW: Kupchan ist jetzt Professor für Internationale Beziehungen an der Georgetown University. Früher war er foreign policy advisor von Bill Clinton. Das klingt nach einer klassischen Konstellation. Ich frage mich allerdings, warum nicht auch Akademiker anderer Sparten es zu einer solchen Berater-Position bringen. Hängt das mit bestimmten Qualifikationen zusammen oder vielleicht eher damit, dass ein Ulrich Beck so einen Posten erst gar nicht annehmen würde?

RM: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ulrich Becks diversen Statements, vor allem in der SZ oder in NZZ (fast nie in der FAZ), deuten schon darauf hin, dass er sich gern nach vorne drängen und sich in diese Rolle mogeln würde. Zumal er zusammen mit Habermas vor der letzten Bundestagswahl eine Website schalten ließ, auf der beide für Rotgrün warben. Und zumal er gerade in der NZZ vom 15. März („Militärische Aufklärung“) dem „Regime Change“ in unerwünschten oder widerspenstigen Staaten, den die Bush-Administration sich an die Brust geheftet hat, seinen intellektuellen Segen erteilt hat.

Vielleicht ist Beck bislang nur nicht gefragt worden und wartet seitdem sehnsüchtig auf einen Anruf aus dem Kanzleramt. Vom Starnberger See aus hat man allerdings, auch wenn man zuweilen nach London kommt und in der Duma sprechen darf, nicht immer einen guten Überblick auf das, was sich in der Welt ereignet. Das zu der Frage, ob Hilfe nicht auch aus anderen Sparten kommen könnte. Der Feldherrnhügel des Kapitols bietet da schon andere Möglichkeiten.
Als vor vier Jahren die rotgrüne Koalition an die Macht drängte, machte bekanntlich auch Jürgen Habermas in aktiver Politikberatung. Anscheinend sah er seine Zeit endlich gekommen. Daraus wurde aber nichts. Nach einem kurzen Zusammentreffen mit Schröder, bei dem er dem Niedersachsen die Grundzüge seiner Ideen erklären wollte, musste Habermas verdutzt feststellen, dass der von ihm Umworbene trotz gemeinsamen Vokabulars (Konsensus, runde Tische, Bündnis für Arbeit ...) ihn nicht verstand. Beleidigt zog er sich darauf wieder an den Starnberger See zurück.

Schließlich versuchte auch Oskar Negt, ein alter Kampfgefährte Schröders aus jüngeren Tagen, sein Glück und das Ohr des neuen Hoffnungsträgers zu erreichen. Zumal beide eine alte Freundschaft verband und Oskar hin und wieder mit Rat und Tat beiseite gestanden hatte. In diversen Zeitungsartikeln und Meetings versuchte Negt auch seinen Einfluss geltend zu machen und seine Glocksee-Ideen in Schröders neue Schläuche zu gießen. Noch vor der letzten Bundestagswahl gab er zusammen mit anderen 68ern ein 15-Punkte Programm heraus, mit dem er für die Fortsetzung des rotgrünen Projekts warb. Unerfindlich ist mir, was Oskar damit eigentlich meint. Das Projekt war bekanntlich bereits vor seiner Machtergreifung tot. Bis heute sind davon nur gestiegene Staatsschulden, Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen geblieben. Außer man hält die Einführung eines Dosenpfands oder die Kennzeichnungspflicht auf Nahrungsmitteln bereits für Meilensteine eines ebensolchen.

Aus all diesen Gründen, aber auch aus dem schlechten Ruf, den Geo- und Machtpolitik hierzulande genießt, kann man leicht entnehmen, warum für Intellektuelle da kein Platz ist. Wozu sollten sie auch raten. Dies würde schließlich auch fähige Politiker voraussetzen, solche, die Entscheidungen fällen und nicht nur Posten, Begünstigungen und Machterhalt im Auge haben.


KW: Ich finde zum Beispiel folgende Beobachtung spannend, weil sie eine historische Perspektive eröffnet: "History is coming full circle. After breaking away from the British Empire, the United States came together as a unitary federation, emerged as a leading nation, and eventually eclipsed Europe's Great Powers. It is now Europe's turn to ascend and break away from an America that refuses to surrender its privileges of primacy."

RM: Solche geschichtsphilosophische Spekulationen sind natürlich höchst verlockend und verführerisch. Sie wecken in mir einen stetig schlummernden Hegelianismus, der sich in den Achtzigern unter dem Druck der postmodernen Ideologie doch merklich abgekühlt hatte. Kupchans Blick scheint mir, so interessant und faszinierend ich ihn auch finde - vor allem den Vergleich Europas mit dem abtrünnigen Byzanz - doch sehr gewagt. Zunächst sind die USA in die Fußstapfen des Britischen Empire getreten. Sie haben das Vakuum gefüllt, das es hinterlassen hat. Und diesen Platz an der Sonne werden sie wohl noch einige Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, innehaben. Unter marxistischen Wirtschaftshistorikern kursiert bereits die Preisfrage, wie lange wohl diese Ära dauern wird, 200 oder 500 Jahre. Damit das auch fürderhin so bleibt, scheint man sich in Washington quer zu den Lagern auf eine gemeinsame große Strategie verständigt zu haben, die im Wesentlichen auf sieben Punkte aufgebaut ist:

- Verhinderung eines Rivalen, und zwar um jeden Preis
- ständige Analyse globaler Bedrohungen
- Vorbeugende Krisenbeseitigung
- Einschränkung der Souveränität der Staaten, wenn es der Weltmacht passt
- Missachtung internationaler Vereinbarungen
- Alleiniges Recht der Krisenintervention
- Globale Stabilität nicht um jeden Preis

Diese neoimperiale Politik wird von Realisten wie Konservativen geteilt. Differenzen entstehen nur da, wo es um die Verwirklichung dieser Politik geht. Bevorzugen die einen ein Go it alone und eine First-Strike-Politik, warnen die anderen vor den Folgen einer „lonely superpower“. Nach ihrem Verständnis muss die Weltmacht auch geliebt werden. Nur wenn man Kupchans These in eine größere Zeitrechnung einsenkt und sie mit geschichtlichen Kreisbewegungen konfrontiert, könnte sie einige Plausibilität abwerfen. Allerdings würde das voraussetzen, dass die Europäer sich ihrer Interessen vergewissern und sich auf eine gemeinsame Geostrategie verständigen und durchringen. Diese Haltung ist aber nirgends in Sicht. Der Bruch zwischen dem alten und neuen Europa, den Bush und vor allem Blair provoziert haben, spricht Bände. Er wird Europa um Jahre zurückwerfen, ganz im Wunsch des Imperiums, dem es dadurch gelungen ist, einen möglichen Rivalen vorerst auszuschalten.

Machtwillen und Cleverness kann man den Europäern bislang jedenfalls im Machtpoker nicht unterstellen. Außer man lokalisiert im knechtischen Bewusstsein eine raffinierte Strategie, um Gulliver zu fesseln. Allein deswegen wird die Warnung bzw. Drohung vom neuen Byzanz, so schön und eindringlich sie auch an die Adresse seiner Landsleute formuliert wird, ein frommer Wunsch bleiben.


KW: Wie bekommt die Region zwischen Algerien und Pakistan unter den Vorzeichen einer neuen Weltordnung (Amerika bekommt auf weltpolitischer Ebene mit Europa ein ebenbürtiges Gegenüber) ihre alte Bedeutung zugewiesen?

RM: Das glaube ich ja gerade nicht. Europa ist und wird so schnell kein ebenbürtiger Partner für die USA werden. Die wissen das ganz genau. Das hat man gerade wieder in Prag gesehen. Alle Kröten, die die Amerikaner auf den Tisch gelegt haben, haben die Europäer ohne Widerspruch oder Widerrede geschluckt. Europa ist nach wie vor militärisch wie politisch ein Zwerg, anders gesagt, ein Papiertiger oder ein Potemkinsches Dorf. Und Politiker, die an dieser Lage etwas ändern möchten, sehe ich kaum. Was Prodi oder Persson zuweilen von sich geben, sind eher Randerscheinungen. Sie artikulieren eher ein Unbehagen an der eigenen Schwäche und Ohnmacht. Eine Politik des Ressentiments, dessen sich diese befleißigen, ist viel zu wenig.

Robert Kagan hat schon recht. Die europäischen Führer sind in ihrer Masse „postmodern“. Sie sind keine Machtpolitiker, die ihre Interessen klar formulieren und offensiv vertreten, sondern Schaumschläger, die an der Oberfläche der Prints und Screens surfen, den Machterhalt im Auge haben und Politik nach taktischen Erwägungen und Meinungsbarometern organisieren. Darum wäre vermutlich Norbert Bolz der geeignetste Strippenzieher für Schröder, Fischer und Co, stünden dem nicht die Gewerkschaften entgegen. Von Schaumschlägerei versteht der nämlich was. Das Schröder-Bashing, das derzeit die Runde macht, und die Witze, die über unsere politischen Führer im Umlauf sind, treffen daher durchaus den Kern des Geschehens.

Bush ist da von einem ganz anderen Kaliber, wenn nicht sogar von einem anderen Stern. Er ist aus ganzen anderen Holz geschnitzt. Er tut, was er sagt. Die Hobos, Spieler und liberalen Wortverdreher haben ausgedient. Über Bush und seine Clique kann man sagen. was man will. Den Klartext, den sie sprechen und pflegen, finde ich jedenfalls erfreulich. Jeder, der es wissen will, weiß, woran er ist. Keiner kann mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was Sache ist.
Die genannte Region, die man nach dem Anschlag von Kuta-Beach wohl bis nach Indonesien ausdehnen muss, haben Asmus und Pollack, zwei ehemalige Berater Bill Clintons gerade zum „geopolitischen Pulverfass“ und zur Krisenregion schlechthin erklärt. Daraus erkennt man, dass sich mit Bush nur die Semantik verändert hat, nicht aber die Politik. Auch Clinton und sein Team haben den Aufbau eines amerikanischen Imperiums zielstrebig verfolgt. Für die erste Hälfte dieses Jahrhunderts dürfte diese Region politisch zum „Pivot“ werden. Ich glaube, es war Mackinder, der in den letzten Jahren seines Lebens einen Meinungsschwenk vollzogen hat. Zum Schluss avancierte nicht mehr Eurasien, sondern die arabische Halbinsel zum Kern- bzw. Herzland des Planeten. Und zwar nicht wegen des Öls und anderer Bodenschätze, sondern wegen ihrer geostrategischen Brückenlage. Schließlich ist sie das Bindeglied zwischen Eurasien und Afrika.

Folgt man Asmus und Pollack, dann hat diese Region die weltgeschichtliche „Chance“, die Nachfolge der Sowjetunion anzutreten. So wie Reagan seinerzeit Russland zum „Reich des Bösen“ erklärt hat, wird sie nun von Asmus und Pollack zum politischen Ausnahmefall erklärt und in ihrer Gänze kriminalisiert. Durch eine postkoloniale mission civilisatrice soll sie nach Willen der beiden Strategen und dem Muster von Zerstörung, Wiederaufbau und Umerziehung Europas post WK II von Terroristen, Tyrannen und muslimischen Eiferern befreit und in eine dem Westen genehme Weltgegend transformiert werden. Dies ist common sense in den USA und wird von Realisten, Liberalen wie Konservativen geteilt. Strittig ist offensichtlich nur noch, wer diese Bewegung anführen soll. Richard Rorty will das beispielsweise nicht dem Isolationisten Bush überlassen. Er schlägt stattdessen den „charismatischen Internationalisten“ Joschka Fischer vor. Der Grund dafür ist so Haare sträubend, dass man ihn gar nicht auszusprechen traut. Rorty glaubt, dass die Bevölkerungen der reichen Länder es Fischer eher abnehmen würden, wenn dieser das Leben Tausender von Männern und Frauen für diese Mission opfern würde, als dem Cowboy-Bush. Wie tief muss der transatlantische Graben letztlich sein, dass er solche Monstren und Ungeheuer gebiert. Jürgen Kaube (FAZ) ist da nur zuzustimmen.

Online geführt zwischen April und Mai 2003


4. Hoffnungsvolle Ansätze für ein künftiges Denken?

Ein Gespräch von Peter Moser (Information Philosophie) über Erkundungen im interdisziplinären Grenzbereich

("Nomadisierend und vagabundierend zwischen einzelnen Disziplinen und Diskursgrenzen querbeet zum traditionellen Wissenschaftsbetrieb" besucht und interviewt Rudolf Maresch seit Jahren Intellektuelle, die zwar etwas außerhalb der philosophischen Fach-Zunft stehen, die aber in der philosophisch interessierten Sub- und Feuilleton-Kultur großen Einfluß haben.)

PM: Herr Maresch, in einem großangelegten Projekt suchen Sie die Stimmen derer zusammen, die man zusammengefaßt zur Tradition der Vernunftkritik einordnen kann. Was fasziniert Sie an diesen Leuten?

RM: Vernunftkritik ist zunächst einmal ein schillerndes Geschäft. Kant gilt als Vernunftkritiker, Bataille, nach übereinstimmender Ansicht von Habermas und Bergfleth, auch. Insofern drückt diese Bezeichnung in dieser Allgemeinheit wenig aus. Daß ich Stimmen dieses Genres versammle, mag so scheinen, stimmt aber nicht. Kittler, Luhmann, Negt, Offe, Gumbrecht, Weibel uvam. würden vehement protestieren, wenn sie so ein Etikett angeheftet bekämen.

Ursprünglich war ja eine Zusammenführung widerstreitender moderner und postmoderner Theorien geplant, um die Gräben der jeweiligen theoretischen Erfahrungen zu überschreiten und darauf errichtete Machtlinien aufzuweichen. Aber aus diesem "Miteinander-ins-Gespräch-bringen" wurde leider nichts. Habermas winkte zweimal freundlich, aber bestimmt ab. Und Honneth zog sowohl einen angekündigten Beitrag als auch ein bereits geführtes, zur Durchsicht anliegendes Interview zurück. Über die Gründe können Sie trefflich spekulieren.

PM: Es sind von den Klassikern vor allem Nietzsche und Heidegger, auf die in dieser Tradition immer wieder Bezug genommen wird. Warum gerade diese beiden?

RM: Die Moderne ist, nach den Worten von J. Taubes, eine "gegenstrebige Fügung". Das heißt, sie kann keinesfalls, wie Habermas es fatalerweise in seinem "philosophischen Diskurs der Moderne" unternommen hat, als ein lineares Projekt entziffert werden, mit guten und vielen auszufilternden bösen Buben. Die strategischen Absichten, die er damit verfolgt, sind verständlich, auch ehrenwert, aber leicht durchschaubar. Seine interessengeleitete Lektüre der Moderne entspricht nicht ihrem tatsächlichen Geschehen. Nietzsche und Heidegger haben klar und hellsichtig die Gefährlichkeit, die in solchen Schwarz-weiß-Lesarten stecken, gesehen und sie in ihren modernen Philosophien verarbeitet. Beide haben sich dem, was Philosophie, wenn sie denn unter Glasfaserbedingungen überhaupt noch eine Bedeutung haben wird, sein könnte, ausgesetzt: nämlich gefährlich und riskant, die Spitze der Modernität antizipierend, ohne Denkschablonen und Tabus gedacht und geschrieben.

Der Bezug auf Nietzsche und Heidegger hat, jenseits aller politischer Vereinnahmungsversuche, noch einen weiteren Grund: Sie sind, da sie ungeschönt, ohne hehre Illusionen und ideologische Scheuklappen beobachtet haben, für eine Beschreibung dessen, was gegenwärtig um und mit uns geschieht, weit aktueller als die kritischen Diskurse Adornos, Habermas? und anderer, deren Hermetik und universalistische Rhetorik, und das muß man heute leider feststellen, das bundesrepublikanische Nachkriegsdenken mehr als dreißig Jahre lang gelähmt und ideologisch in eine Sackgasse geführt hat. Die Bedeutung Nietzsches für die sich ausbreitende "Interfacekultur", und die frühe Aufmerksamkeit Heideggers für die "Hardware-Bedingungen" künftigen Denkens mögen als knappe Hinweise genügen, um die Aktualität ihres Denkens für das nächste Jahrhundert herauszustreichen.

PM: Sie versuchen mit dem von Ihnen zusammengestellten Band "Zukunft oder Ende" eine Zeitdiagnose. Wie könnte man diese auf den Begriff bringen?

RM: Kurz gesagt: Sie gipfelt in der Beobachtung, und zwar unabhängig von der nahenden Jahrtausendwende (das Jahr 2000 ist allenfalls Zufall), sich inmitten einer "Epochenschwelle", vergleichbar der von 1800 oder sogar der durch den Buchdruck verursachten, zu befinden, in der alte, selbstverständlich gewordene Wertvorstellungen, Sinnkonzepte und Glaubensinhalte zerbröseln und Unbekanntes, Neues, jedoch bereits in Grundrissen Denk- und Erfaßbares sich am Horizont ankündigt. Das exponentielle Anwachsen finaler Diskurse in allen Menschenwissenschaften, die technische Reproduzierbarkeit von Leben und Natur, die Auslagerung des Geistes in anderen Substanzen: alle diese Umstände weisen auf diesen Umbruch hin, der, wie die vehemente Wiederkehr essentiellistischer Strömungen und die diese diskursiven Praktiken begleitenden Querelles des Anciens et des Modernes deutlich machen, unter Umständen in einem Punkt absoluter Zuspitzung enden könnte. Für Intellektuelle also eine höchst spannende Zeit, da es viel zu beobachten und denken gibt.

In "Zukunft oder Ende" ging es nicht nur um Zeit-Diagnose. Vielmehr ging es mir, nach dem erfolgreichen Scheitern aller Emanzipationsbewegungen und ihrer Phantasmata, auch um Abklärung und um die Suche nach neuen strategisch-taktischen Denk- und Handlungsmustern für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Inwieweit dieser Plan in die Tat umgesetzt werden konnte, immerhin platzte zwischen Konzept und Realisierung das Jahr 1989, mag jeder Leser des Buches selber beurteilen.

PM: Jean Baudrillard, Norbert Bolz, Vilém Flusser, Niklas Luhmann - um nur vier Prominente der von Ihnen ausgewählten Autoren zu nennen - was verbindet diese miteinander?

RM: Die Unterschiede zwischen den genannten Autoren - ich würde Kittler und Kamper noch hinzufügen - sind enorm. Vor allem für den, der sich mit diesen Theorien näher beschäftigt und sie nicht nach Feuilletonistenmanier in die gleiche Schublade stopft. So befleißigt sich Baudrillard einer beschleunigten Theorie des Terrors und Bolz der Ausarbeitung einer medial bewehrten Theorie des Scheins; während Flusser, in gut messianischer Manier, zu Lebzeiten eine neue Proxemik auf uns zukommen sah und Luhmann an einer modernen Theorie der Gesellschaft bastelt, die sich schneller wandelt als sie vermutlich der Soziologe aufschreiben können wird. Gemeinsam ist ihnen aber, was der akademischen Philosophie seit langer Zeit abgeht. Sie widmen sich der Theoriebildung, die vielen zu schwer scheint; sie diskutieren Fragen und Probleme, die, unsere Wahrnehmungen, Erfahrungen und Lebensumstände unmittelbar jetzt und künftig berühren und verändern werden; und sie verharren auch nicht in angestammten Fachgrenzen, sondern orientieren sich an Sachfragen, die querbeet und fachübergreifend im Dialog mit disziplinfremden KollegInnen vorangetrieben werden. Diese positive Unruhe, die ihre theoretische Arbeit auszeichnet und ihre Suche nach anderen Optiken und Problemperspektiven antreibt, vermisse ich bei der akademischen Philosophie. Sie interpretiert lieber zum x-ten Male die philosophischen Klassiker, was leider vor allem die Doktoranden trifft. Wer an den Universitäten lehrt oder auf philosophischen Kongressen herumreist, weiß, wovon ich spreche.

PM: "Intellektuelle Modeerscheinungen", "gefährliche Irrationalismen", "belangloses Geschwätz" - dies sind Gesten der Zurückweisung des vernunftkritischen Denkens. Aber gehen diese ganz in die Irre?

RM: Solche Totschlagargumente sind wohl eher dazu geeignet, Andersdenkende zu denunzieren und Diskurse abzuwürgen, als Begriffe, Diskurse und Blickwinkel aufzuschließen. Es sind - wie Sie richtig sagen - Gesten, die dazu da sind, Denkverbote zu errichten und Machtpositionen abzusichern. Sie sagen mehr über diejenigen aus, die sie benützen, als über die Adressaten. Wir wissen doch, daß es eine reine Vernunft nicht gibt. Sie ist immer schon mit ihrem Anderen amalgamiert, ja bastardiert. Die Geschehnisse auf dem Balkan, in Afrika oder anderswo, das Einwandern von Gewalt, Haß und Terror in die westlichen Metropolen, die angekündigten Kriege zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des Fortbringens, Auslöschens und Abservierens, oder: ein ungeschminkter Blick auf dieses zurückliegende Jahrhundert, das, so blutig wie keines zuvor, angeblich die Blütezeit von Rationalität, Liberalität und Demokratie werden sollte, demonstrieren anschaulich, daß es nicht weit her ist mit "rationalen Diskursen". Eher produziert, wie die Historie lehrt, die Universalisierung von Werten jenen Terror mit, den sie gerade ausschließen will. Im übrigen würde ich gerne wissen, was denn ?das? Kriterium für eine solche Unterscheidung wäre, und wer denn, wenn es denn ein solches geben sollte, für sich in Anspruch nähme, dieses zu exekutieren. Ehrlich gesagt: Ich kann damit nicht viel anfangen.

PM: Nahe liegt der Verdacht, daß diese Art von Philosophie, obwohl subversiv, rechtslastiges Denken fördert. Wie das Beispiel von Walter Seitter zeigt, scheint der Verdacht gar nicht so falsch zu sein.

RM: Das ist ein inzwischen weit verbreitetes Vor-Urteil, das die Sache nicht trifft. Faschismus und/oder Nationalsozialismus mögen zwar mit "ästhetischen Mitteln" Politik gemacht haben, in ihrer Konsequenz schreiben sie aber, dazu genügt ein kurzer Blick in die "Dialektik der Aufklärung", jene technologische Moderne fort. Faschismus bedeutet immer: Schaffung ambivalenzfreier, homogener Räume; Beseitigung von Inkommensurabilität und Herstellung von Reinheit. Beim Holocaust handelte es sich doch nicht um einen unkontrollierten Gefühlsausbruch, sondern um eine systematische Anwendung globalisierter Sozialtechnologie, sozusagen um einen coolen "terminatorischen Akt", und gerade nicht um Romantik.

Walter Seitter ist dafür ein gutes Beispiel. Jeglicher "Irrationalismus" ist ihm fremd. Er bezeichnet sich, ganz im Sinne der Definition Freuds, als Analytiker. Im übrigen kann es in der Philosophie, über die wir hier sprechen, nicht um Gesinnung gehen oder um links/rechts. Hier geht es um die Sache selbst. Und wenn dazu ein Rechter, der Seitter zweifellos ist und dies auch unumwunden zugibt, etwas zu sagen hat, dann interessiert mich das. Denken zu moralisieren oder gar Denkweisen zu kriminialisieren, halte ich für schlimm. Diese politisch korrekte Haltung und/oder Form des Urteils wird heute gern von solchen Leuten eingeführt, die nicht mehr viel zur Sache beizutragen haben und ihre Felle davonschwimmen sehen.

PM: Auffallend an dieser sich an der französischen Philosophie orientierenden Art zu denken ist ein Trend zu Geschichten, zu Übertreibungen, zu Wortspielen und die Grenze zur Literatur wird oft überschritten. Dafür fehlt das, was in der Philosophie so geschätzt wird: die Argumente.

RM: Glauben Sie wirklich, daß französische Denker nicht argumentieren, oder keine Argumente auf Ihrer Seite haben? Immerhin hält die Argumentationstheorie, wenn auch vielfach nur unter dem Druck ihrer amerikanischen Freunde, inzwischen Feminismus, Semiotik, Dekonstruktivismus für so weit satisfaktionsfähig, daß sie versucht, bestimmte Teile davon ins gelobte Land universalistischer Geltungsansprüche heimzuholen. Dieses feste, nicht-kontingente Fundament gibt es doch längst nicht mehr. Man braucht sich nur die neueren Kritiken des Unhintergehbarkeitstheorems anzusehen, um zu bemerken, in welche böse Zirkel und infinite Regresse solche Konzepte sich verfangen.

Schubladenordnungen einzurichten, scheint mir eine typisch deutsche Eigenart zu sein. Ein freierer und spielerischer Umgang mit Philosophie ist den Deutschen anscheinend ein Greuel. Sie müssen leider immer von einem Extrem ins andere fallen. Entweder sind sie Romantiker oder Normativisten. Tertium non datur. Dabei entzieht sich die vor allem unter der Ägide elektronischer Medien dynamisierte und neukontextualisierte Wirklichkeit statisch-dichotomen Denkweisen, die diese reproduzierte Realität gar nicht mehr berühren. Um aber angesichts des beschleunigten Datentransfers nicht vollkommen den Boden zu verlieren und überhaupt noch Gegenstände/Ereignisse mit der dafür nötigen Distanz und Gelassenheit wahrnehmen und analysieren zu können, müssen wir dagegen traditionelle Orientierungsmuster eher verschrägen, sie womöglich sogar implodieren lassen, und quer zu traditionell-hierarchischen Ordnungsprinzipien wie beispielsweise Natur/Kultur, rational/irrational, Selbst/Anderes, oben/unten neu und anders aufbauen. Für mich bieten daher transalternative, grenzüberschreitende Forschungsprogramme, namentlich Systemtheorie, Medientheorie und Historische Anthropologie, personalisiert vom Dreieck Luhmann, Kittler, Kamper hoffnungsvollere Ansätze für ein künftiges Denken als das Gründeln in den Untiefen alteuropäischer Theorien. Auch aus diesem Grund steht mir der Nomade Abel näher als der Seßhafte Kain, auch wenn, oder gerade weil ersterer von letzterem erschlagen wurde.

Erschienen in: Information Philosophie 5/1995, S. 78-82

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