ࡱ> >@;<=q` 3bjbjqPqP.::\ JJJ8x@x@x@8@Cl[,D,D,DBDBDBDBDBDp[r[r[r[r[r[r[$\hG_~[FBDBDFF[BDBD[RRRF BDBDp[RFp[RRRBD D ;34x@OR[T[0[R_fPB_RR_R BDvDTR EDPE~BDBDBD[[QXBDBDBD[FFFFD'4.D4. Rudolf Maresch Wissensgesellschaft 2.0. ber Lebensverhltnisse, Arbeitsstrukturen und Kommunikationsbeziehungen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Wie wir wissen, gibt es bekanntes Wissen und Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wie wir auch wissen, gibt es bekanntes Unwissen. Soll heien: Wir wissen, es gibt Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch Unwissen, von dem wir nichts wissen. Die Dinge, die wir nicht wissen - wir wissen sie nicht. Donald Rumsfeld Unsere Gegenwart ist eine Zeit epochaler Vernderungen so sagt man, hrt man und liest man. Dieser radikale Wandel betrifft ausnahmslos alle Sozialsysteme der Gesellschaft, die Politik ebenso wie die Wirtschaft oder die Moral, die Erziehung ebenso wie den Sport oder die Kunst. Die fordistische Phase des Kapitalismus, die einst aus den Manufakturtechnologien der zweiten industriellen Revolution hervorging, verblasst und mit ihr die ra der Schwerindustrie, der Massenproduktion und der Herrschaft starker Gewerkschaften. Die dritte industrielle Revolution, vornehmlich von IuK-Technologien initiiert, von Mikrochips, lichtschnellen Datenverbindungen und vernetzten Rechnern, lsst aus der Industriegesellschaft die Wissens- oder Informationsgesellschaft hervorgehen. Wissen, und nicht mehr die Bearbeitung des Bodens durch Arbeitskrfte und Maschinen, avanciert zum wichtigsten Produktivfaktor. berall, so heit es in der Magna Carta for the Knowledge Age stolz und blumig, gewinnen die Krfte des Geistes die Oberhand ber die rohe Macht der Dinge. Der Sturz der Materie, aber auch die Entmassung der Zivilisation sind die zentralen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts. Um ein Beispiel fr das Ausma an Vernderung zu geben, die mit dem Zeitalter des Wissens herauf brechen: Nur noch ein Zehntel des Preises eines Mikrochips fut mittlerweile auf dem Faktor Arbeit, whrend fast Dreiviertel davon auf den Faktor Wissen entfallen, auf Forschung, Entwicklung, Kontrolle. Wissen, wei der Mnchner Soziologe Wolfgang Bon auf einer Tagung der Heinrich Bll Stiftung in Berlin vor einigen Jahren zu berichten, wird zur zentralen Vergesellschaftungsressource. Seine jederzeitige Verfg- und Abrufbarkeit, ob in Form von Daten, Bildern und Symbolen oder in Form von Kultur, Ideologie oder Wertvorstellungen, wird dabei von zentraler Bedeutung fr Individuen, Firmen und Gemeinschaften. Weil sein Umfang exponentiell wchst, zwingt er alle Akteure zum bestndigen Beackern und Bewirtschaften der eigenen intellektuellen Kompetenzen, zur Schnelllebigkeit privater Beziehungen ebenso wie zur Kurzfristigkeit in der sozialen Lebensplanung oder zur rationalen Abschtzung von Lebensrisiken. Konzepte wie Lebenslanges Lernen, Vorsorge oder die allgegenwrtigen Evaluationen weisen darauf hin, dass Selbstoptimierung unabschliebar geworden ist. Es verwundert nicht, dass sich parallel dazu der Begriff der Risikogesellschaft (Ulrich Beck) bildet. Das hohe Tempo einer zunehmend global vernetzten Arbeitswelt sowie die damit verbundene Verpflichtung zur permanenten Verfgbarkeit, zu Flexibilitt und Mobilitt liefern keine verlsslichen Zeiten mehr fr Ehe und Partnerschaft, so Bundesprsident Horst Khler jngst in Berlin zur Erffnung der zweiten Konferenz des von ihm und der Bertelsmann Stiftung gegrndeten Forums Demografischer Wandel. Die heutigen Realitten, die digitale Netztechnologien schaffen, scheinen besonders die Entscheidung der Eltern fr Kinder zu erschweren. Nach den Unbeweglichen, Kranken, Schwachen und Denkfaulen, gehren Kinder, geborene wie ungeborene, mit Sicherheit zu den Verlierern der Wissensgesellschaft 2.0. Und das trotz oder gerade wegen aller staatlichen Frsorgemanahmen oder -einrichtungen wie Elterngeld, Kindertageskrippen und Ganztagsbetreuung. Aber nicht nur das: Aufgrund des beschleunigten technischen und gesellschaftlichen Wandels veraltert das herkmmliche Wissen auch viel schneller als frher. Was gestern noch als gesichert galt, als fest oder in sich gefgt schien und mglicherweise Jahrtausende Bestand hatte, kann sich tglich oder binnen Stundenfrist ndern. Viele Entscheidungen, die sich auf Zahlen und Fakten grnden, knnen sich morgen verndern oder knnen schon kurz nach ihrer Entscheidung obsolet sein. Nicht zufllig wirbt ein hiesiger Radio-Infokanalsender fr sein Programm mit den Wort: In fnfzehn Minuten kann sich die Welt verndern. A: Die Wissensgesellschaft 1.0 So vollkommen neu, wie Auguren, Protagonisten und Apologeten verknden, ist das im Grunde nicht. Folgt man den Studien des englischen Kulturhistorikers Peter Burke, die er zum beginnenden Wissenszeitalter in seinem Buch Papier und Marktgeschrei niedergelegt hat, dann relativieren sich viele der berschwnglich und aufgeregt gefhrten Prognosen und Weissagungen der letzten Zeit. Wir sollten, fasst Burke dort seine fast vierzigjhrigen Forschungen zusammen, nicht vorschnell annehmen, unser Zeitalter wre das erste, das sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzt. 1. Wissensexpansion Genau genommen sind die Reden ber die Wissensgesellschaft schon ziemlich alt, rund fnfhundert Jahre nmlich. Ihre Anfnge datieren auf die frhe Neuzeit. Sie erreicht ihren Hhepunkt mit den Versuchen Jean le Rond d'Alemberts und Denis Diderots, das damalige Wissen ber die Welt in eine Enzyklopdie zu packen, es zu sammeln und zu klassifizieren und durch ein besseres Wissen zu ersetzen. Was heute gern als Siegeszug der Globalisierung gefeiert wird, Mauerfall und Internet, gelingt dem Buchdruck bereits post 1450 mhelos. Mit seinen beweglichen Lettern lst die neue Drucktechnologie eine Kettenreaktion aus. Zunchst einmal vereinfacht sie die Mglichkeit, schriftliche Produkte massenhaft zu vervielfltigen und zu verbreiten. Gleichzeitig beschleunigt sie auch die gesellschaftliche Kommunikation und ffnet damit vormals geschlossene Mauern, Grenzen und Horizonte. Was vorher als Wissen galt (Scholastik), und von der Kirche streng kontrolliert, berwacht und religis sanktioniert wurde, wird jetzt Gegenstand heftiger ffentlicher Diskussion und gesellschaftlicher Vereinbarung. Auer Gutenbergs Erfindung sorgen auch andere weltpolitische Ereignisse wie die Entdeckung Amerikas, die Reformation oder die allmhlich sich entwickelnde Weltwirtschaft fr eine Explosion des Wissens, aber auch fr die Geburt jener Globalisierung, die Thomas Friedmann als 1.0 bezeichnet. Denn mit Kolumbus wird nicht nur der Nachweis fr den Kugelcharakter der Erde erbracht, seine Entdeckungsfahrt ebnet auch dem Handel zwischen Alter und Neuer Welt den Weg. Um dieses neu erlangte Wissen zu sammeln, zu ordnen und zu klassifizieren, braucht es daher einer Vielzahl neuer Strukturen, Verarbeitungsmethoden und Navigationshilfen, die durch das Informationsmeer aus gedruckten Traktaten, Pamphleten und Bchern geleiten. Wissensmanagement ist folglich kein erstmaliges Problem, das Wirtschaftsmagazine oder betriebswirtschaftliche Lehrsthle aktuell entdecken mssen, sondern ist der globalen Gesellschaft von Anbeginn an eingeschrieben. 2. Wissensarbeiter Zugleich bildet die rasche Zunahme an neuen Ideen, Einsichten und Wissen auch den Startschuss fr eine neue Art von Spezies, den Wissensarbeiter, Wissensvermittler oder Wissensmanager. Sie, damals noch Humanisten und Gelehrte, spter Intellektuelle und Experten genannt, werden zu Trgern und Verbreitern einer neuen Kultur des Wissens. Sie deuten nicht nur das alte Wissen erfolgreich um, riskieren den Bruch mit der religisen Tradition und prgen neue Weltbilder und Denkstile; sie grnden auch Gruppen, Zirkel und Netzwerke, Institutionen, Akademien und Kuriosittenkabinette und treten damit nach und nach aus dem langen und mchtigen Schatten, den Kirche und Theologie werfen. Bevlkern die einen die Vorhfe der Macht und dienen sich Knigen, Frsten und anderen mchtigen Wrdentrgern als Berater, Agenten oder Informanten an, halten die anderen Vortrge vor Kaufleuten und groen Handelsgesellschaften oder verdingen sich in Bibliotheken, Museen und Kanzleien als Schreiber, Verleger und Kontoristen. 3. Regierungswissen Auch wenn die Nachfrage vor allem an juristisch ausgebildeten Beamten stetig wchst, um den enormen Bedarf an aktenmiger Erfassung und Verwaltung (Brokratie) zu bewltigen, sind die Mchtigen sehr bemht, die Erzeugung und ungehinderte Verbreitung des Wissens genau zu kontrollieren. Sowohl die Nutzung durch den Frsten als auch die Bndelung des Wissens in der Hand des Frsten gilt seinerzeit als ebenso legitim wie der Einsatz der Zensur oder der Inquisition zum Schutz dieses Wissens. Und zwar nicht nur, weil Regierungen immer abhngiger von Daten und Informationen werden, die sie von einer namenlosen Kultur der Sekretre verwalten lassen. Oder, weil sie systematisch Erkundigungen ber die eigene Bevlkerung einholen, um Verbrechen vorbeugen, auf bestimmte Probleme wie Aufruhr, Seuchen oder Kriege schnell reagieren oder sie mittels Institutionen und anderer Praktiken in ihrem Sinne lenken zu knnen (Gouvernementalitt). Sondern auch, weil sie Regierungsarchive und Staatsgeheimnisse (arcana imperii) vor den begehrlichen Blicken rivalisierender Frsten und Knige schtzen mssen. Alle europische Gromchte wissen: Wer ber andere Teile der Welt herrschen will oder Rivalen in Schach halten will, ist gezwungen, fleiig Daten und Informationen ber die Welt zu sammeln und dieses Wissen vor dem Zugriff anderer Konkurrenten mglichst zu schtzen. 4. Wissensmrkte Doch all diese Manahmen zur Abschottung, Unterdrckung und Kontrolle des Wissens durch kirchliche und staatliche Obrigkeiten knnen nicht verhindern, dass alsbald, und befrdert durch Raub- und Nachdrucke, regelrechte Mrkte des Wissens in Alteuropa entstehen und relativ privates oder gar geheimes Wissen der ffentlichkeit zugnglich gemacht wird. Die Kommerzialisierung des Wissens, bilanziert Burke seine Recherche, ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Gewiss befreien die Warenfrmigkeit des Wissens und die Mobilisierung der Information die Trger, Vermittler und Manager des Wissens von traditionellen Bindungen, Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten. Sie ebnen den Weg zu Gruppenidentitten, die sich durch Unparteilichkeit' und kritische Distanznahme gegenber kirchlichen wie staatlichen Fraktionen auszeichnen, sodass kein Wissensarbeiter fortan mehr gezwungen ist, sich mit einer der gesellschaftlichen Gruppen ihrer Welt vllig und bedingungslos zu identifizieren. Weil sie aber auch als Wissensunternehmer in Erscheinung treten und ihre Kenntnisse und Dienste je nach Marktlage den unterschiedlichsten Herren und Unternehmen zum nutzbringenden Gebrauch anbieten, wirft die gewinnbringende Nutzung des Wissens, an dem die Wissensarbeiter hufig gewerblich beteiligt sind, bereits damals die Frage nach dem Schutz geistigen Eigentums (Urheberrecht) auf. Wie lassen sich angesichts einer dynamischen und freien Konkurrenz, in der bereits ein marginaler Vorsprung an Marktinformationen fr den Besitzer derselben uerst profitabel sein oder werden kann, Patente und Prototypen, Manuskripte und Geschftsgeheimnisse vor Piraterie und Spionage zu hten? Was als privat und was als Gemeineigentum (Wissensallmende) anzusehen ist, ist daher kein Problem, das erst mit dem Internet und digitalen Tauschbrsen entstanden ist, sondern ist so alt wie die Wissensgesellschaft selbst. 5. Wissensstandorte Nicht zu bersehen ist schlielich auch die gestiegene Bedeutung der Standorte des Wissens. Zwar standardisiert schon der Buchdruck Wissen, sodass es immer mehr Menschen mglich wird, identische Texte und Bilder an unterschiedlichsten Orten und Pltzen zu lesen und zu beobachten. Doch sind deswegen Wissen und der freie Zugang zu ihm nicht berall und gleichmig verbreitet. Die neu entstandenen Rume (Archive, Bibliotheken, Museen ), und Kartografien (Landkarten, Protokolle, Statistiken ) des Wissens sind territorial hchst unterschiedlich verteilt und nicht losgelst vom geografischen Ort zu betrachten, an dem es gesammelt, gelagert und neu aufbereitet wird. Die Verarbeitung, Speicherung und Verbreitung von Wissen folgt schon in der frhen Neuzeit dem Modell von Zentrum und Peripherie. Wissen fliet nicht nur von den Peripherien Europas zu ihren Zentren, diese befinden auch darber, wohin es sich ausbreitet. Neben traditionellen Orten wie Klster und Galerien, Laboratorien und Hrsle, Salons und Kaffeehuser sind es vor allem bedeutende Stdte wie London, Amsterdam, Salamanca oder Sevilla, die sich nach und nach zu wahren Drehscheiben, Schnittpunkten und Umschlagspltzen des Wissens entwickeln. In diesen Kapitalen werden nicht nur Informationen gehandelt und weitergegeben, dort ballt und konzentriert sich auch all jenes Wissen, das der Ausweitung der Kommunikationskanle sowie der fortschreitenden Verbreitung gedruckter Erzeugnisse entspringt. Die Zentralisierung von Wissen und Macht geht demnach Hand in Hand mit dem Aufstieg einiger weniger groer europischer Stdte und dem Entstehung einer globalen Wirtschaft. B: Wissensgesellschaft 2.0 Allein dieser kurze Streifzug durch die Geschichte des Wissens zeigt, dass die Wissens- und Informationsgesellschaft kein gnzlich neues Phnomen ist. Vorfahrt fr naturwissenschaftlich-ingenieurstechnisches Wissen; Einfluss von Computerrechnern, Internet und Suchmaschinen auf Forschung und Entwicklung; Fallen geografischer Zune und Grenzen zugunsten des Free Flow of Information; Schleifen brokratisch-zentralistischer Organisationen zugunsten flacher Hierarchien; gewachsene Bedeutung von Eigentum, Markt und individueller Freiheit; Wandel einer internationalen Ordnung souverner Staaten zu einer globalen Ordnung von riesigen transnationalen Kapitalstrmen mithin alle Kriterien und Merkmale, die von ihren Propheten zur Begrndung angefhrt werden, sind oder werden mit dem Buchdruck bereits grundgelegt. 1. Gradueller Art Dies zeigt: Die Auswirkungen auf die Verarbeitung, Speicherung und Verbreitung der Information sind damals bestimmt so radikal gewesen wie es die Umstellung des Wissens von analog auf digital fr heutige Verhltnisse ist. Unterzieht man die Gutenberg- und Turing-Galaxis einer wissenssoziologischen Analyse, dann erscheint der gesellschaftliche Wandel weit weniger revolutionr als viele meinen. Die globale Netzwerkgesellschaft, die vom frhlichen Geist des Informalismus beseelt und von der Glck verheienden Macht der Information erfllt ist, kann im besten Falle als Vorlufer oder als ein Update jener Wissensgesellschaft beobachtet werden, die sich am ausgehenden Mittelalter bereits formiert. Die meisten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen, Probleme und Konflikte, die wir oben nur gestreift haben, kehren auf hherer Ebene wieder. Sie bleiben entweder weiter auf der Agenda (Informationsfreiheit, offene Protokolle, freier Zugang ), verschrfen sich (Urheberrecht, Piraterie, Proliferation, ) und spitzen sich zu (kulturelle Differenz, fairer Handel, soziale Anerkennung ), oder sie prsentieren sich weiterhin als unlsbar (Zuverlssigkeit, Glaubwrdigkeit, Sinnhaftigkeit ) und lsen sich von selbst (Entmassung, Teilhabe, Demokratisierung ). 2. Vernetzt, verdichtet, kopflos Als wichtiger Kronzeuge fr das Unspektakulre des Vorgangs kann vielleicht der deutsche Soziologe Niklas Luhmann gelten. Er beschreibt in soziologisch-funktionalistischen Termini, was der oben bereits zitierte Thomas Friedman unter dem Stichwort Globalisierung 2.0 verbucht. Sind es um 1500 europische Gromchte, die die Globalisierung 1.0 vorantreiben, erweisen sich zwischen 1800 und 2000 global agierende Unternehmen als Motoren konomischer Integration und weltweiter Nachbarschaft. Globalisierung, deren Effekte Luhmann im Begriff der Weltgesellschaft fasst, meint zunchst nichts anderes als die weltweite Vernetzung und Verdichtung von Marken, Medien und Kapital. Anders als bei Marshall McLuhan, der die Welt via Massenmedien zu einem globalen Dorf zusammenwachsen sieht, verstrken diese die spezifisch westliche Form der funktionalen Differenzierung. Durch sie erreicht die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in autonome Teilsysteme Weltmastab. Im Prinzip gibt es, sieht man mal von Ausnahmen wie Nordkorea, Myanmar und dem Iran ab, auf dem Globus keine abgeschotteten Rume, Mrkte und Horizonte mehr. Keine Region oder Nation kann fortan ignorieren, dass es woanders auf der Welt politisches, juristisches oder wissenschaftliches Wissen gibt. Die Grenzen zwischen sozialen Organisationen (Nationen, Firmen, Parteien, NGOs ) verlaufen nicht mehr ethnisch, national oder staatlich, sondern entlang sozialer Anschlusskommunikationen und sind flieend. Blieb das, was sich frher im Sudan, in Bhutan oder auf Lombok zutrug, der Bruch eines Staudamms oder der Ausbruch einer Hungersnot, fr den Rest der Welt folgenlos, weil die Grenzen oraler Stammesgesellschaften mit den Grenzen ihres Siedlungsgebietes zusammenfielen, verhlt sich das mittlerweile vllig anders. Aufgrund der weltweiten Vernetzung der Kommunikation berichten bertragungsmedien wie Funk, Fernsehen und Internet unmittelbar nach Ausbruch des Geschehens und in Echtzeit von dort. So kann der Ausbruch eines Grippevirus in einer sdchinesischen Straenkche (Sars), der Fund von Massenvernichtungswaffen im Iran oder ein verheerendes Selbstmordbombing in einer europischen Metropole binnen Sekunden ein mittleres politisches oder wirtschaftliches Erdbeben auslsen, das Aktien und ihre Kurse an den Weltbrsen ins Bodenlose strzen lsst und Sicherheitsrat, Regierungen und Militrs in Alarmzustand versetzt. Neu ist vielleicht, dass diese Weltgesellschaft nirgends mehr ein organisierendes Zentrum, eine Spitze oder einen Feldherrnhgel besitzt, von der aus sie gelenkt, gesteuert oder beobachtet werden kann. Die globale Gesellschaft muss ohne Zentralagentur, Steuerungszentrale oder Superhirn auskommen. Die Gleichzeitigkeit aller Operationen und Ereignisse verhindert, dass weder die Politik noch die Wirtschaft, die Wissenschaft noch die Religion die Weltgesellschaft steuern knne, eine Einsicht, die sowohl von linken Globalisierungskritikern wie Michael Hardt und Antonio Negri als auch Politikberatern wie Joseph S. Nye geteilt und vertreten wird. 3. Verfgbarkeit, Tempo, Zeitmangel Neu ist auch der Grad der Vernetzbarkeit der Systeme, mithin das Ma, in dem der einzelne erreichbar ist oder er andere erreichen kann. Diese sozialkulturelle Integration, die das World Wide Web schafft, trgt enorm zur Einebnung, Schrumpfung und Horizontalisierung der Welt bei. Mit ihm existiert eine globale Plattform, auf der Menschen aller Herren Lnder miteinander rund um die Uhr in Kontakt treten knnen, wirtschaftlich, politisch, kulturell oder privat. Glasfaserkabel und Benutzerfreundlichkeit sorgen dafr, dass immer mehr Menschen miteinander kommunizieren, sie knnen ber das Netz Wissen austauschen oder miteinander spielen, Firmen grnden oder Partnerschaften anbahnen, Waren kaufen und verkaufen, Dienstleistungen anbieten oder sich einfach elektronisch nher kommen. Und neu ist schlielich auch die stndige Verfg- und Nutzbarkeit bestimmten Wissens durch Unternehmen, Gruppen und Individuen. Datenbanken, Internet und Suchmaschinen erweitern und bereichern die Mglichkeiten in nahezu jedem Bereich, whrend die Speicherkapazitten fr das stndlich wachsende Wissen steigen. Mittlerweile kann man die Erinnerungen eines Lebens auf einen Sechs-Gigabyte-Chip platzieren, whrend Computerfirmen Rechner mit 400 Gigabyte Speicher anbieten. Zugleich nehmen auch die Menge der Kommunikationspakete sowie das Tempo, mit dem heute Daten und Information jenseits aller ethnischen, geschlechtlichen und kulturellen Barrieren von Kontinent zu Kontinent wandern, an Rasanz stndig zu. Zeitungen und Magazine noch vor ihrem Drucktermin online zu lesen, Informationen zu googlen oder Eigenbeobachtungen vor Ort als Blog, Bildblog oder Podcast ins Netz zu stellen, individualisieren Senden und Empfangen und befreien den User vom lstigen und zeitraubenden Gang zum Kiosk, in die Bibliothek oder zur Fernleihe. Schreibtisch und Bildschirm, der seinem Benutzer dank Laptop, Handy, WLAN und Hotspots berall hin folgen kann, wird zum Einfallstor fr das Globale, die Verbindung von jedem mit jeden und jedes mit jedem. Alvin Toffler, Mitverfasser der Magna Carta und namhafter Vertreter einer konomie der dritten Welle, ist sogar davon berzeugt, dass Zugnglichkeit und die stndige Verfgbarkeit von Wissen fr alle in eine neue Wohlstandsordnung mnden wird. Die Verschmelzung von Produktion und Konsumtion fhrt, wie er meint, zur Explosion der "geldlosen" konomie. Dreht sich in der Wirtschaft der ersten (Land- und Agrarwirtschaft) und zweiten Welle (Schwerindustrie) alles um Knappheit und Mangel, ist Wissen, das die dritte Welle (Dienstleistungen) dominiert, schier unerschpflich. Es verbraucht sich nicht wie ein Auto, ein Pullover oder eine Maschine, Algorithmen, Gesetze und Formeln kann man immer anwenden. So lsst sich eine Maschine, die auf einem Feld ttig ist, nicht gleichzeitig von einem anderen nutzen, Arithmetik, Stochastik oder das Gesetz des freien Falls hingegen von vielen Menschen und das zur selben Zeit. Wissen ist aber auch mobil, es ist digitalisierbar und lsst sich in Symbolen und Abstraktionen komprimieren. Da es inzwischen immateriell und von nichtlinearer Art ist, lassen sich fr den Schlauen und Cleveren schon mit kleinen Einsichten oder Geschftsideen immens hohe Ertrge erwirtschaften. Man denke nur an Unternehmen wie Goggle, die mit ihren Suchmaschinen Milliarden von Dollars wert sind, obwohl die Firma auf keinen materiellen Kern verweisen kann. Und da es, mehr noch, leicht kopier-, bertrag- und entwendbar ist, ist es nur schwer vor Piraterie (Tauschbrsen, Datenklau, Raubdruck) oder Weiterverkauf (Proliferation) zu schtzen. Das Verhalten von Lndern wie China illustriert anschaulich, wie leicht der Diebstahl geistigen Eigentums mittlerweile geworden ist, wie erfolgreich die Strategie der Abschpfung industrieller Neuerungen in der Wissensgesellschaft 2.0 sein kann, und wie wenig der Rest der Welt gegen diese Form des Kopismus und der Piraterie wirklich etwas tun kann. Niemals in der Geschichte der Menschheit hat es ohne Krieg und Eroberung einen solchen Wissenstransfer gegeben. Er stellt Kernkompetenzen in Frage, deindustrialisiert Regionen und leitet einen wirtschaftlichen Schrumpfungsprozess ein, der eine vormals blhende oder prosperierende Volkswirtschaft binnen Jahren zum Problemfall werden lassen kann. Konterkariert und ausbalanciert wird das durch die Verlagerung von Leistungen aus der Geldkonomie in den geldlosen Bereich. Mehr und mehr Unternehmen delegieren Arbeiten und Dienstleistungen, die vorher Angestellte erledigt haben, an den Konsumenten. Sind diese beispielsweise frher zur Bank gelaufen, um Geld abzuheben, benutzen sie heute einen Bankomaten, den sie selbst bedienen mssen. Brachten sie frher selbst einen Film zur Agfa-Zweigstelle, entwickeln sie ihn mittlerweile selbst. Und zwar genauso wie Worte, Filme, Bilder und CDs, die sie am PC produzieren, um sie danach bei MySpace.com, YouTube.com oder Flickr.com zur allgemeinen Belustigung oder kritischen Wrdigung ins Netz stellen. Aus dem reinen Konsumenten und bloen Empfnger von Botschaften ist der Prosument geworden, einer, der Produzent und Konsument, Sender und Empfnger zugleich ist, aber fr seine Dienste und Erzeugnisse in aller Regel nicht entlohnt wird. Diese Arbeitsttigkeiten, der er freiwillig und unentgeltlich fr sich (Selbstvermarktung), fr andere (Open Source, Wikipedia) oder anstelle eines anderen (Eigenverantwortung, Vorsorge) erledigt, erhhen jedoch den Stressfaktor und sorgen obendrein dafr, dass dem Erfolgreichen, Umtriebigen und Wendigen immer weniger Zeit zur Verfgung steht, fr Altenpflege und Kinderaufzucht, Partnerschaft und Nahrungszubereitung oder Miggang. 3. Mehr Akteure, Talente und Rivalen Mgen solche Neuerungen, die ich hier eher lckenhaft und exemplarisch aufliste und andeute, auf der soziologischen Ebene auch lngst nicht so gravierend sein, wie manche nassforschen Zukunftsforscher gern meinen, bedeutet das im Umkehrschluss jedoch nicht, dass unsere Form und Gewohnheit zu leben und zu wirtschaften, zu arbeiten und zu kommunizieren nicht einer gewaltigen Transformation unterzogen wird. Denn mit dem Siegeszug und der verstrkten Nutzung von Digitalrechnern, Programmen und Netzwerktechnologien in Betrieben, Bros und Haushalten geht eine historisch bislang einmalige Verschlankung, Automatisierung und Optimierung von Produktionsvorgngen und Wertschpfungsketten, von Vertriebskanlen und Verwaltungsablufen einher. Dadurch verndern sich nicht nur traditionelle Geschftsmodelle, Arbeitsverhltnisse und Kommunikationsbeziehungen zwischen Firmen, Verbnden und Personen von Grund auf, sie verlangen auch von Mitarbeitern, Geschftspartnern und Kunden ein Hchstma an Flexibilitt, Mobilitt und Nonstop-Engagement fr den Betrieb, die Firma oder die Behrde. Mauerfall, Sturz des Kommunismus und die Genese eines fr alle offenen Marktes; der Aufstieg des Personalcomputers und die Mglichkeit eigene Worte, Bilder und Daten am Schreibtisch zu kreieren; die Geburt des Internet und der fast kostenlose Transport riesiger Datenmengen; der Einsatz von Workflow-Systemen und Workflow-Software, die Ausfhrung und Koordination einzelner aufeinander folgender Arbeitsablufe oder Geschftsoperationen automatisieren all diese Entwicklungen haben allein in den letzten fnfzehn Jahren diesen Trend nochmals verstrkt und beschleunigt. Work- und Cashflow sind fr die Wissensgesellschaft 2.0 das, was Flieband, Model-T und Taylorisierung fr die erste Hlfte des 20. Jahrhunderts waren. Vor allem durch Nutzung des Potentials von Netzwerken, Telekonferenzen und dynamischer Software, ist die Welt nochmals um ein Vielfaches geschrumpft und fast vollkommen flach geworden. Seit dem Eintritt Russlands, Chinas und Indien in die Welthandelsgesellschaft konkurrieren und/oder kooperieren viel mehr Menschen, Firmen und Regionen als jemals zuvor in immer mehr Winkeln der Erde in Echtzeit miteinander. Im globalen Feilschen um Talente, Ideen und Kapital mssen sich die Akteure mental nur an eine minimale Regel halten: besser, schneller und effizienter sein als alle anderen. Die Mitspieler im globalen Wettbewerb, so bringt es der indische Software-Spezialist Nanden Nilekani auf dem Punkt, haben in einem immer strkeren Mae die gleichen Voraussetzungen das Spielfeld wird, wenn Sie so wollen, eingeebnet. Ein ins Mandarin bersetztes afrikanisches Sprichwort, das Friedman an einer chinesischen Fabrikwand findet, macht deutlich, was der Inder meint: Jeden Morgen erwacht in Afrika eine Gazelle. Sie wei, sie muss schneller rennen als der schnellste Lwe, oder sie wird gefressen. Jeden Morgen erwacht in Afrika ein Lwe. Er wei, er muss schneller rennen als die langsamste Gazelle, oder er wird verhungern. Egal ob Lwe oder Gazelle bei Tagesanbruch muss man rennen (S. 173). Kein Wunder, dass die Erzeugung, der Handel und der proprietre Besitz an Daten, Patenten und Programmen, aber auch die Jagd nach Begabungen, Fhigkeiten und Kompetenzen (Humankapital), die in der Lage sind, Wissen zu erzeugen, zu verteilen und zu kommunizieren, zu den wichtigsten Trgern des sozialen Fortschritts im 21. Jahrhundert gehren. Weswegen konomische Potenz, politische Macht und kulturelle Bedeutung eines Staates, einer Firma oder eines Vereins in der Wissensgesellschaft 2.0 fundamental von der Gewinnung, Speicherung und Verarbeitung von Information und Wissen abhngen werden. 4. Workflows, Individuen, kurze Wege Auch wenn der Ressourcenfluss von Arbeit, Kapital und Information fast nach allen Seiten hin offen ist, muss dies nicht unbedingt oder automatisch zu einer Win-Win-Situation fhren, zu mehr Wohlstand, Innovation oder Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Staaten und Individuen. Gewiss sind durch die ffnung von Mrkten, Rumen und Horizonten alle Wissenszentren der Welt zu einem einzigartigen Netzwerk verbunden. Wie in der Wissensgesellschaft 1.0 erweisen sich Stdte und Regionen, und nicht unbedingt Staaten und Nationen als Gewinner der neuen Weltordnung. Nur wer in einem Wissenszentrum lebt, an Hochgeschwindigkeitsnetze angebunden ist und folglich die kurzen Wege fr sich und sein Unternehmen ntzen kann, ist auch in der neuen ra des Wissens vorne dran. Gleichzeitig hat aber auch ein Austauschprozess zwischen den Systemen eingesetzt, an dessen Ende eine regionale Angleichung von Ost und West, Arm und Reich, stehen wird, der wirtschaftlichen und sozialen Auf- und Abstieg fr jeden der Beteiligten nach unten wie nach oben bereithlt. Vor allem die bisherigen Gewinner, die wohlhabenden Staaten des Westens, haben viel zu verlieren, wenn sie ihr Haus nicht in Ordnung bringen und beispielsweise ihre Bildungsarbeit und Ausbildungssysteme nicht auf die neuen Anforderungen eichen. Sie sind mit Billiglohnlndern, mit Tigerstaaten und den aufholenden Staaten des Ostens konfrontiert, die denselben Lebensstandard anstreben wie sie. Global operierende Unternehmen nutzen das weidlich aus. Sie folgen den Lockungen von Billiglohn und Steuerfreiheit (Kostendruck), sie lassen bestimmte Ttigkeiten von anderen Firmen ausfhren (outsourcen) oder sie verlagern Unternehmensteile nach Asien und produzieren gleich vor Ort (Offshoring). Fr die Industriestaaten heit dies, dass ihre Sozialsysteme von den Work- und Cash-Flows des globalen Kapitalismus geschliffen werden. Sie mssen, wenn sie attraktiv fr Investitionen und damit international konkurrenzfhig bleiben wollen, Ansprche des Einzelnen an den Staat senken und Vorsorge und Eigenleistung fr Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Alter an das Individuum delegieren. Fr Thomas Friedman ist dies der tipping point fr die Globalisierung 3.0. Dank Digitalisierung, Personalisierung und drahtloser Funkverbindungen kann jeder Daten sammeln, bearbeiten und von jedem Ort an jeden Ort bermitteln. In Zukunft hat jedes Individuum, gleich ob schwarz oder wei, Mann oder Frau, Erwachsener oder Jugendlicher die Mglichkeit, auf globaler Bhne mit allen anderen Individuen zu kooperieren oder zu konkurrieren. Und dank sozialer Netzwerke wie MySpace.com oder Xing.com kann jeder Einzelne sich, seine Dienste oder Produkte globalisieren. Er kann seine Inhalte weltweit anbieten oder Geschftskontakte neu knpfen, er kann neue Vertriebswege erkunden oder sich als knftiger Mitarbeiter empfehlen. Diese Machtverschiebung, weg von starken Organisationen hin zu Individuen und Kleingruppen, bringt derzeit allerhand Unruhe in die Wirtschaft. Sie bedroht traditionelle Brokratien und Hierarchien, von den Bloggern, die von etablierten Medien gefrchtet werden, bis hin zum Jungunternehmer, der mit wenigen Mitarbeitern eine groe Firma in Bedrngnis bringen kann, indem er sich Nischen in der Produktion erobert. Diese Unsicherheit wird durch den Druck, alle Vorgnge und Prozesse permanent zu hinterfragen, Kunden zu betreuen, Wertschpfungsketten zu berprfen und zu verfeinern, Forschung und Entwicklung zu verstrken und mgliche Rivalen am Markt eingehend und stndig zu beobachten, noch verstrkt. Nicht nur auf Seiten der Unternehmer und der Unternehmen. Sondern auch auf der Seite der Arbeitnehmer und Lohnabhngigen. Denn alles, was sich digitalisieren oder in einfache oder Routinearbeiten auslagern lassen kann (Dienstleistungen), wird knftig zum billigsten Anbieter transferiert, Steuererklrungen und Webauftritte, Broarbeiten und Beratungen aller Art. 5. Unsichtbares Programm Ihren wissenssoziologischen Ort findet die Wissensgesellschaft 2.0. in der Kybernetik, in genau jener Kunst der Steuerung und Lenkung komplexer Ereignisse und Prozesse also, die ihr systemisches Wissen auf der Logik von Selbstorganisation, Vernetzung und Rckkopplung grndet und das in aller Regel zu spezifischen Subjektivierungsformen fhrt. Mit ihrem Aufstieg zur neuen Leitwissenschaft Mitte des letzten Jahrhunderts geht eine Verschiebung des Taylorismus und Fordismus zu Prozessen symbolischer Kontrolle und Bottom-up Verfahren einher. Statt der exakten Messung von Zeiteinheiten, der minutisen Zerlegung von Arbeitsschritten und Bewegungsablufen im Produktionsprozess rcken komplexe, nicht-lineare Prozesse in den Mittelpunkt. Um der Kontingenz, Offenheit und Vernetzung von Maschinen, Medien und Menschen Rechnung tragen, werden sie zu schlagkrftigen Verbnden und variablen Systemen verknpft. Lernen bzw. die Lernfhigkeit von Individuen und Organisationen, von Personen und Regierungen, Unternehmen und Verwaltungen avancieren zum zentralen Modus und Inhalt gesteuerter Entwicklung, wobei Lernen nur eine Form der Rckkopplung darstellt, das aber, um zur Information logisch hheren Typs zu werden und eine Optimierung der Leistung zu erreichen, den verstrkten Einsatz so genannter Soft Skills oder intellektueller Technologie wie Zielorientierung, Projektarbeit, Teamwork verlangt. 6. Update Yourself Es ist kein Zufall, dass Selbststeuerung, die im Begriff der Steuerung, Regelung oder Lenkung mitschwingt, mit der pdagogischen Formel der Selbstttigkeit kompatibel ist. Und es ist auch kein Zufall, dass Montessori-Pdagogik, Projektarbeit und die Autonomisierung von Bildungsanstalten in Klassenzimmern, Hrslen und Seminarrumen Einzug gehalten haben und Kultusministerkonferenzen sich von Monitoring und Bildungsstandards, Evaluation und Kundenorientierung die Lsung aller PISA-Probleme erwarten. Die Selbstentwicklung oder innere Fhrung der Subjekte, liebevoll mit Selbst-Empowerment umschrieben, stellt lngst einen zentralen Topos der Erziehungs- und Bildungstheorie dar. Sie spielt in lernenden Unternehmen eine ebenso tragende und wichtige Rolle wie in staatlichen Bildungseinrichtungen und Sozialfrsorgestationen. Im Prinzip der Selbstermchtigung, das jenes emanzipatorische Potential der 68er Generation wieder aufgreift und in kybernetische Begrifflichkeiten umdeutet, in Selbststeuerung und Eigenverantwortung, verdichtet sich die systemische Logik der Selbstorganisation auf wunderbare Weise und fhrt zu einer besonderen Art regulierter Freiheit oder kontrollierter Autonomie. Nicht umsonst ist seitdem eine Expansion pdagogischer Praktiken in die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft zu beobachten, die mit dem Stichwort der Psychologisierung und Pdagogisierung des Alltags und der Lebenswelt wirkungsvoll umschrieben wird und eine Ausweitung des Schul- oder Arbeitstages (Frhfrderung, Ganztagsschule, Samstagsunterricht) auf den Nachmittag, das Wochenende oder den Feiertag zum Ziel hat. 7. Create yourself In postheroischen Unternehmenskulturen mit ihren schlanken Unternehmen, flachen Hierarchien und kurzen Wegen zum Projektleiter sind diese Ziele bereits realisiert. Lngst sind Begriffe wie lebendige Subjektivitt und der kompetente Mitarbeiter der Dotcom-Kultur in die Old Economy eingewandert und Zielvereinbarungen an die Stelle starrer Arbeitszeiten und Arbeitsvertrge getreten. Sie haben sich den neuen Geist des Kapitalismus zueigen gemacht, der den mobilen und flexiblen Charakter fordert, auf Kreativitt und Eigeninitiative der Akteure setzt und mit den Parolen Teamarbeit, Kompetenz und Innovation hausieren geht. In diesen projektbasierten Organisationen genieen vor allem jene Personen hohe Wertigkeit, die in der Lage sind, sich stndig mit groer Flexibilitt und unter hohem persnlichem Engagement auf neue Projekte einzulassen. Gefragt sind neben Netzwerkkompetenzen, sicherem Umgang mit Informationsquellen und kommunikativen Fhigkeiten, auch ein hohes Ma an Autonomie sowie die Bereitschaft, andere Mitarbeiter, die an diesem Projekt beteiligt sind, zu motivieren. Weitgehend wurzellos, mobil und vielfltig einsetzbar, muss dieser Mitarbeiter in der Lage sein, stndig neue Beziehungen zu knpfen und zu etablieren. Die Arglosigkeit, mit der diese Begriffe mittlerweile berall verwendet werden, beweist, dass Kritik und Selbstkritik zum integralen Bestandteil gesellschaftlicher Modernisierung geworden ist. Individuen oder Ideen, die vormals selbst lautstark die Abweichung von der Norm propagiert haben, werden selbst zur Norm. Konzepte wie Aktivierung und Selbstoptimierung, Teilhabe und Flexibilitt, die auf die Kmpfe sozialer Emanzipationsbewegungen und/oder die Werte der Massen- und Popkultur zurckweisen, haben sich in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt. Von Knstlern und anderen kreativen Selbststndigen, von Creative Commons oder Creative Industries, erhofft man sich, dass sie jene kreativen Ideen und Potentiale entwickeln, die den eigenen Standort, die eigene Nation und damit die Wissensgesellschaft 2.0 insgesamt nach vorne bringen. In Grobritannien, so der ehemalige Popstar Feargal Sharkey auf der diesjhrigen Pop-Komm in Berlin, ist der Kreativsektor, zu dem neben Pop auch Bereiche wie Design oder Mode zhlen, mittlerweile ebenso so wichtig wie die Autoindustrie, nur mit besseren Wachstumsraten. Hier mssen Menschen weder diszipliniert noch angeleitet werden. Sie mobilisieren sich selbst und realisieren sich durch die ihnen auferlegten institutionellen Arrangements. 8. Individualittszumutungen Welche Individualittszumutungen diese intellektuellen Technologien fr den Einzelnen parat haben, welchen Ambivalenzen und paradoxen Anforderungen er sich aussetzt, welche Zwnge und Sanktionen sie ihm auferlegen, aber auch welche Freiheitsspielrume sie ihm schlielich erffnen, haben in den letzten Jahren diverse soziologische Studien und Analysen zu ergrnden versucht. Da sind zum einen der Freelancer und die Ich-AG, die ihr Leben als Marke begreifen; aber auch der Loser und Hartz IV-Empfnger, der Heimat verbunden und unbeweglich zu Hause sitzend auf staatliche Garantien und Frsorgeleistungen wartet. Und da sind auch der intelligente Verweigerer, der nach auen Interesse, Motivation und Aktivitt heuchelt, sich aber lngst in die innere Emigration verabschiedet hat; aber auch der digitale Bohmien, der aus den prekren Beschftigungsverhltnissen Motivation, Kraft und Inspiration schpft und technologisch bewandert und bewehrt seinem Nomadentum und seiner Ungebundenheit frnt. Die beiden zuletzt genannten Typen mchte ich kurz vorstellen. 8.1. Verweigerer und Miggangster Den Prototyp des unscheinbaren Totalverweigerers, Miggangsters und Zeitgauners, der sich vor allem an Paul Lafargues Recht auf Faulheit orientiert, hat vor mehr als hundert Jahren Herman Melville im Kanzleischreiber Bartleby entwickelt. Nachdem der zunchst nur durch groe Zurckhaltung und Schweigsamkeit auffllt, geht er nach und nach dazu ber, die Ausfhrung bestimmter Ttigkeiten mit einem: Ich wrde lieber nicht abzulehnen. Und zwar immer dann, wenn ihm fremde oder unliebsame Aufgaben bertragen werden. Nach einiger Zeit sagt er nur noch diesen Satz. Er verweigert zwar nicht vllig die Arbeit, sagt aber auch nicht ja, womit er seinen sozialintegrativen Chef, der die Macht der Medienffentlichkeit frchtet, schlielich zur Verzweiflung treibt. Nichts, schreibt Herman Melville, rgert einen Menschen so sehr wie passiver Widerstand. Mit dieser Kunstfigur des Durchschnittsmenschen, der in tglicher Routine und im Alltagstrott erstarrt, hat Melville eine listige Gegenfigur zu den Arbeitstieren der New Economy entwickelt, die rund um die Uhr ttig sind, Standby-Bereitschaft signalisieren und durch ihre Aktivitt, Kreativitt und positive Einstellung alle anderen Mitarbeiter mitreien. In seiner gespielten Interessiertheit irritiert und verstrt er alle auf Mobilitt und Flexibilitt geeichten Mitarbeiter und Aufsteiger im Bro. Desinteressiert wie er ist, bringt er sich weder ein noch engagiert er sich, sondern tut nur so viel, um nicht entlassen zu werden. Nimmt man Umfragen der Wirtschaft ernst, so sind diese Mnner und Frauen ohne Eigenschaften, auch Mikro-Sklaven genannt, nicht gerade selten. Sie vermeiden es, durch unbedachte uerungen, Stellungnahmen oder Kommentare unangenehm aufzufallen. Entweder halten sie den Kopf unten und geben keine Widerworte, oder sie stimmen mit der Mehrheit und verrichten ihre Arbeit dem ueren Anschein nach zufriedenstellend. Statt stndig die Zielvorgaben und Planzeiten des Projektleiters zu unterbieten, denken sie whrend der Brozeiten nur an Femme Fatales, an Workout-Partys oder Sex in the City. Eifer entwickeln sie in der Regel nur, wenn der Chef im Groraumbro auftaucht oder sie den Atem der verantwortlichen Fhrungskraft im Genick spren. Ansonsten trumen sie wie einst der Siebenschlfer Pietzke in Janoschs Buch Traumstunde immer nur vom Schlafen oder vom Fliegen. 8.2. Der digitale Bohmien Er macht aus der Not, keine feste Anstellung mehr zu haben, die um acht Uhr oder neun Uhr morgens beginnt und um fnf Uhr abends endet, eine Tugend. Er nutzt die digitale Revolution, Internet und Handy, Laptop und W-Lan, iPod und Web 2.O mit der ihm eigenen Aufmerksamkeitswhrung sowie die von ihnen personalisierte, aperiodische Zeit zur Diversifizierung des eigenen Tagesablaufs in Arbeits-, Freizeit- und Spielphasen. Privates und Berufliches gehen bei ihm nahtlos ineinander ber. Weil im Netz, wie er glaubt, die meisten Umstze mit vielen kleinen, aber interessanten Produkten gemacht werden, und nicht mit wenigen Massenartikeln (Nischenproduktion), ermglichen sie ihm, so glaubt er, ein "intelligentes Leben jenseits der Festanstellung". Die Chancen darauf sowie die Segnungen, die damit verbunden sind, erscheinen ihm, dem gut Ausgebildeten, Leistungswilligen und ideenreichen jungen Nomaden, geschwunden und folglich auch nicht mehr erstrebenswert. Das Arbeiten und Werkeln in der Old Economy ist seinem Dafrhalten vor allem mit Demtigungen, Zwngen und einer Kultur des aufgeschobenen Glcks verbunden. Der digitale Bohmien grndet deshalb virtuelle Agenturen, Praxen oder Kanzleien und tauscht die tatschlichen wie die vermeintlichen Sicherheiten des Angestelltendaseins gegen die Freiheit des selbstbestimmten Daseins. Zwar lebt er von dem, was er mit seinem Kulturschaffen verdient, mehr schlecht als recht. Weder kann er fr eine Familie sorgen noch kann er etwas frs Alter oder fr Gesundheit zurcklegen. Auch kennt er weder Wochenenden, Urlaub oder geschlossene Bros, zumal er mittels Handy, Blackberry oder iPod immer online bei der Arbeit ist und/oder in Projekte mit anderen eingebunden ist. Dafr ist er aber frei in seinen Entscheidungen, er kann aufstehen, wann er will; er kann einen Job annehmen oder nicht; er kann blo herumsitzen und die Zeit totschlagen oder im Caf oder in einer Bar vor einem Laptop sitzen und einen Werbespruch kreieren. Vor Urheberrechten schreckt er kaum zurck. Er nutzt auch fremde Einflle um Konzepte zu entwerfen, Texte zu schreiben oder Werbesprche zu erfinden. Kommen sie ihm zupass, vermanscht er sie im Copy & Paste-Verfahren zu eigenen. Andererseits ist er aber beraus erpicht darauf, sein geistiges Eigentum vor dem Datenklau durch andere zu schtzen. Seine geistigen Ergsse sind ja auch das einzige, was er besitzt, um seinen Lebensunterhalt zu fristen, neben all den Freunden und Netzwerken, die ihm sowohl Familienersatz als auch geistiges und soziales Kapital sind. Und genau dies ist wohl das Merkwrdigste an ihm: So sehr er das Brgerliche und Kleinbrgerliche ablehnt, so sehr fordert er vom Staat Kindereinrichtungen, die rund um die Uhr geffnet haben. Zwar bevorzugt er ganz offensichtlich das Leben in Schwrmen, in zufllig sich konstituierenden Kollektiven, die den freien Kommunen der Hippiegeneration nachempfunden sind. Elterliche Verpflichtungen (Aufzucht, Frsorge, Bildung) sollen dagegen mglichst vom Staat wahrgenommen werden, vor allem dann, wenn die Mitglieder ihren Projekten nachgehen oder gerade mal online sind. Der Spa, den die Bohmiens derzeit noch haben, knnte sehr bald sein abruptes Ende finden. Denn vor allem solche Ttigkeiten sind beraus anfllig, in Niedriglohnlnder ausgelagert zu werden. 9. Das Alte im Neuen Fr Menschen, die strebsam, ehrgeizig und risikobereit sind, die die richtigen Kenntnisse, Ideen und Fertigkeiten haben und gengend Motivation mitbringen, bietet die Wissensgesellschaft 2.0 mit Sicherheit eine Flle von Mglichkeiten. Doch nicht jeder bringt die technische Kompetenz, geistige Flexibilitt und soziale Unerschrockenheit mit, ein wissensbasiertes Produkt (Medikament, Beratung, Software ) zu erfinden und anzubieten. Staaten und Nationen knnen fr eine solche neue Wissenskultur gewiss etwas tun, sie knnen mehr Geld in Bildung, Forschung und Entwicklung pumpen, ihre Bildungsanstalten und ihr Personal auf den neuesten Stand bringen und Jungunternehmer mit Venture Kapital ausstatten. Doch werden dabei auch weiterhin mehr Menschen auf der Strecke bleiben als die Karriereleiter hinaufklettern. Programmierer, Mathematiker und Ingenieure wachsen nicht wie die Frchte an Bumen. Sie mssen, wenn berhaupt, in langwierigen Prozessen ausgebildet werden oder aus anderen Lndern und Regionen angeheuert werden. Das Wissen, selbst fr sein Fortkommen verantwortlich zu sein, ist nicht in allen Bevlkerungsteilen gleichmig verteilt. Nicht allen kann man alles beibringen. Viele hocken lieber vor dem Fernseher, gucken Horrorvideos oder ballern wie wild vor dem Bildschirm herum statt ein Buch zur Hand zu nehmen, ein Museum aufzusuchen oder Musikunterricht zu nehmen. Und nicht jeder bringt Willen, Bereitschaft und die ntigen Tugenden mit, Strebsamkeit, Ehrgeiz, Durchsetzungskraft etwa, um im survival of the fittest, die der globale Kapitalismus anschlgt, angemessen leben, arbeiten und lieben zu knnen. Weswegen auch nicht jeder mitmischen kann oder wird auf dem Spielfeld der globalen Konkurrenz und Kooperation. Das gilt fr Staaten und Vlker ebenso wie fr Unternehmen oder Individuen. Der konomische Erfolg des einen bedeutet mglicherweise den Misserfolg des anderen wie auch die wirtschaftliche Freiheit des einen in der Arbeitslosigkeit des anderen enden kann. Fr diese Menschen, die durch die Wissensgesellschaft 2.0 fallen, mssen soziale Auffangnetze da sein, die andererseits aber auch nicht zum Ausruhen oder zur Verweildauer einladen. Andernfalls mssen Staaten, Unternehmen oder Individuen viel Geld in ffentliche oder private Sicherheitsdienste stecken, die sie vor Ausplnderung, Gewalt oder anderen Verbrechen schtzen. 9.1. Macht, Identitt, Verteilung Schon deswegen werden die Probleme, die schon die Wissensgesellschaft 1.0 begleitet haben, auch die der Wissensgesellschaft 2.0 sein. Dies gilt ebenso fr die Kmpfe der neuen Welt, die die Verteilungskmpfe der alten sein werden, um Macht, Rohstoffe und Ressourcen. Rohstoffreiche Staaten wie Russland, Sdafrika oder der Kongo werden weniger anfllig und nachhaltig von der Umstellung auf wissensbasierte Systeme betroffen sein wie rohstoffarme. Gewiss mssen auch sie vermehrt auf Innovation setzen, auf Forschung und Entwicklung sowie die Verbesserung ihrer Infrastruktur. Vor allem Russland hat da einen gigantischen Nachholbedarf. Doch mssen sie dank des Bodenreichtums ihres Landes nicht, wie etwa die Bundesrepublik Deutschland, ausschlielich auf technische Innovationen setzen. Um ihren Wohlstand einigermaen zu halten und nicht im Ranking der Staaten zurckzufallen oder von anderen gar berholt zu werden, mssen Rohstoffarme voll auf Forschung und Entwicklung, auf Bildung und Ausbildung setzen und hoffen, dass ihr dadurch Talente erwachsen, die ein zweites Google oder ein neues Starbucks grnden. Horizontale Kooperation und horizontales Management erfordern vllig andere Fhigkeiten und Kompetenzen als traditionelle Geschftsmodelle, zitiert Friedman die frhere HP-Chefin Carly Fiorina. Zudem mssen sie auf die neuen Technologien abgestimmt sein. In P2P- oder B2B-Programmen sind die hierarchischen Rollen von Server und Client, von Anbieter und Nutzer lngst aufgehoben. Aus einer einstmals vertikalen Welt, die auf Befehl und Kontrolle gehorcht hat, ist eine horizontale Welt entstanden, die auf Verknpfung und Kooperation beruht. Dank dieser Software ist auch der User wie der Prosument in der konomie der dritten Welle Nutzer und Anbieter zugleich. Im Umkehrschluss heit das aber nicht, dass Politik und Macht, Command und Control aus den Beziehungen von Menschen, Staaten und Firmen verschwinden. Die Reden von Netzwerken, Selbstorganisation und Teamwork verschleiert, dass hinter vermeintlicher Gleichheit und Kollegialitt nach wie vor Hierarchien und Brokratien die Kommunikationen bestimmen. Das Zeitalter der Industrie ist noch lange nicht zu Ende. Das wei auch die anfangs bereits zitierte Magna Carta for the Knowledge Age. Die Schwer- und Massenindustrie hat vom Zeitalter des Wissens und den technologischen Errungenschaften profitieren gelernt. Nach wie vor geht es um Macht, Einfluss und Hegemonien, um die Vorherrschaft ber Territorien, Rohstoffe und Ressourcen. Mit dem Zeitalter des Wissens gewinnen sie eher noch an Bedeutung. Nicht zuletzt der Krieg im Irak und der Versuch, das Land in eine Demokratie westlichen Zuschnitts zu verwandeln, haben das gezeigt. Sie haben sich ebenso als Trugschluss erwiesen wie jene Kriegsfhrungsstrategie des US-Verteidigungsministers, die explizit auf Netzwerktechnologien, horizontalem Denken und Echtzeit-Aufklrung gefut hat, auf wenig Personal und hochmobile Einheiten. Wer wei, wie die Befriedung des Irak gelaufen wre, wenn das Pentagon auf vermeintlich alte Technologien, Strategien und klassische Sektionen der zweiten konomie zurckgegriffen htte. Wer beide Welten gegeneinander ausspielt, wird grandios scheitern; wer dagegen Befehl und Kontrolle mit Zusammenarbeit und Verknpfen intelligent verbinden kann, wird sowohl politisch wie auch wirtschaftlich ressieren. Offene und zum Wandel bereite Kulturen wie die USA mgen vielleicht in der wissensbasierten Welt einen immensen Vorteil haben. Zumal die Bedeutung von Kultur, Identitt und Differenz erheblich gewachsen ist und weiter wachsen wird. Aber eine Garantie ist dies noch nicht. Knftige Kriege, in der Mehrzahl asymmetrische, werden weniger um soziale Gleichheit oder Umverteilung als vielmehr um kulturelle und gegenseitige Anerkennung, um Werte, Ideen und berzeugungen gefhrt. Dass man dabei auf modernste Technologien zurckgreift, sie von Fall zu Fall mit alten kombiniert, versteht sich von selbst. Auch Netzwerke des Terrors und andere Trittbrettfahrer der Wissensgesellschaft 2.0 wissen sich ihrer intelligent zu bedienen und reihen sich in deren Wertschpfungsketten (Aktienkurse, Geldwsche, Brsenspekulation ) ein; auch sie wissen wie man flache Hierarchien, Internet und Schwarmintelligenzen gegen westliche Einrichtungen Schrecken bringend einsetzen kann; und auch sie wissen um die Fragilitt mediatisierter ffentlichkeiten in wohlhabenden Staaten, wie anfllig sie fr Nadelstiche in Form von Bomben, Attentaten oder anderen terroristischen Akten sind. Andererseits sollte man sich auch keinen groen Illusionen hingeben. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (Proliferation) wird kaum zu vermeiden sein. Dafr sind sie strategisch und taktisch zu wichtig, als dass aufstrebende Staaten, Vlker oder Nationen wie der Iran, Sdkorea oder Japan darauf verzichten knnten. Wer mchte sich schon der politischen Erpressbarkeit durch andere aussetzen? Ein neues, austariertes Gleichgewicht des Schreckens zwischen unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Einflussgebieten ist daher ebenso mglich wie die Einrichtung neuer geografische Amity Lines, die den Free Flow of Information in seinen Grundfesten erschttern knnten. Da muss man nicht unbedingt sofort auf Samuel Huntington zeigen, auf seine Kulturkreislehre und die Idee der rumlichen Abgrenzung. Auch Gabor Steingart sieht angesichts des Angriffs asiatischer Mchte wie China und Indien das Heil des Westens in der Geburt einer transatlantischen Freihandelszone, die eine protektionistische Mauer um den Westen zieht. Es kann also durchaus passieren, dass manche bereits eingeebnete Region wieder in alte Denkweisen und Strukturen zurckfllt oder in alten Dynamiken verharrt. Wie beispielsweise China mit dem rasanten Wandel umgehen oder ihn bewltigen wird, wie es den Einbruch der Information verarbeitet und auf die Forderung nach mehr politische Teilhabe reagieren wird, die sich unweigerlich mit dem wirtschaftlichen Wachstum einstellen werden; oder wie Indien mit ihrem Kastensystem verfahren wird, dem Heer von Armen, Hungernden und Obdachlosen, auf ihrem Weg in die technologische Spitzengruppe; und wie, erst recht, die wohlhabenden Staaten die Ausdnnung ihrer Mittelschichten verkraften, zumal diese bislang Motor und Garanten von Demokratie, Wohlstand und sozialer Frieden gewesen sind all das ist vllig offen und ungewiss. Von Klimawandel, Energieknappheit und der Mglichkeit von Pandemien ganz zu schweigen. Vor allem Viren und Krankheitserregern bietet die flache Welt mit ihren offenen Grenzen und Durchgangswegen beste Bedingungen, um sich weltweit und blitzschnell auszubreiten 9.2. Zuverlssigkeit und Glaubwrdigkeit Stndig wird zwar berall von Wissen und Wissensgesellschaft gesprochen, kaum jemand macht sich aber wirklich die Mhe zu klren, was er unter Wissen eigentlich und berhaupt versteht. Um welches "Wissen" geht es in der Wissensgesellschaft 2.0? Wann wird eine Zahl oder Formel, ein Bild oder eine Information berhaupt zum Wissen? Und: Ist der Informierte auch der Wissende? Sicherlich verndert das Internet Wissen. Datenbanken wie Google und Yahoo oder Wissensportale wie Xipolis oder Wissen.de sind die modernen Enzyklopdien des 21. Jahrhunderts. Anders als die Bibliotheken der Wissensgesellschaft 1.0 liefern sie aber ein offenes Wissen zweiter Ordnung. Die Regeln und Codes, nach denen dieses funktioniert, die Ontologie des Wissens, sind dagegen streng geheim und nicht fr die ffentlichkeit bestimmt. Dadurch unterscheiden sie sich erheblich von ihren Vorlufern. Die Enzyklopdisten schickten ihrem Werk einen Discours prliminaire voraus, in welchem sie die verschiedenen Konzeptionen der Wissenschaftssystematik ausfhrlich erlutert haben. Das Internet verndert aber auch die Art, wie Wissen entsteht, dargestellt und verbreitet wird. Das hngt eng mit der Hypertexttechnologie und den Linkstrukturen zusammen, die es trgt. Statt einer linearen logischen bildet es eine vernetzte Struktur. Ob Wissen in unseren Kpfen und Gehirnen hnlich organisiert ist, darber streiten bislang Hirnforscher und Kognitionspsychologen. Unstrittig ist dagegen wiederum die Annahme, dass das Wissen dadurch seine Form und seinen Inhalt verndert. Die Nutzer haben sich dem weitgehend angepasst. Sie verabschieden sich, soweit sie das Netz nutzen, von linearen Prozessen der Wissensaufnahme. Sie clicken und surfen und kompilieren sich aus diversen Wissensteilen oder -versatzstcken ein eigenes und neues Stck Wissen. Das heit, auch die Form des Zugriffs auf Wissen hat sich verndert. Da es im Prinzip offen ist und jedem Interessierten Zugriff bietet, es stndig und beinahe unkontrolliert wchst, bildet es einen gigantischen Speicher an Wissen, so gro, wie ihn die Menschheit weder gesehen noch jemals besessen hat. Gerade deswegen findet sich dort neben vielen Mautzonen, Zugangsverboten und Kontrollen auch viel Halbgares und Aufgeregtes, Kurioses oder Verlogenes. Und da sich das alles stndig ndert, Wissen sich vermehrt und wieder verschwindet, wird es fr den Nutzer beraus schwer, das er- und nachgefragte Wissen auf seine Zuverlssigkeit und Vertrauenswrdigkeit hin zu befragen oder gar zu berprfen. ber die Mittel, die ein professioneller Journalist oder Wissenschaftler besitzt, um Information von Desinformation, Tatsachen von Tatsachenbehauptungen zu unterscheiden, verfgt der normal user in aller Regel nicht. Weshalb ihm meist nichts anderes brig bleibt, sich an bekannten Namen und Adressen zu orientieren, denen er ein beraus hohes Ma an Vertrauen und Glaubwrdigkeit entgegenbringt. 9.3. Speichern und Verarbeiten Damit bin ich unweigerlich wieder am Beginn meiner Tour dhorizon durch die Wissensgesellschaft angelangt. Bereits um 1500 und danach ist die Informationsflut gro. Und schon damals stellt sie alle Wissbegierigen vor das Problem, wie sich Quellen, Manuskripte und Vertrge auf ihre Echtheit und Welthaltigkeit berprfen lassen. Das Krisenbewusstsein dafr ist mithin alt, es begleitet die Wissensgesellschaft(en) von Anfang an und sorgt dafr, dass man nach Mitteln und Wegen, Methoden und Regeln sucht, das Geschriebene und Mitgeteilte auf ihre Qualitt und ihren Wahrheitsgehalt hin zu beleuchten. Seinerzeit fand man sie im Empirismus und in Funoten, im Discours de la mthode und im Quellenstudium. Diese Zeit der Prfung und Diskussion bleibt im berhitzten Getriebe der Echtzeit-Gesellschaft kaum noch, sodass eigentlich nur noch die gut bewehrte Skepsis bleibt, der Zweifel gegenber allem, was Aufklrung, Wahrheit und Gewissheit verspricht. Mit ihr lassen sich zwar keine universalen oder sonstigen Wissensansprche einlsen, doch bewahrt Skepsis vor etlichen Missdeutungen und Falschbehauptungen. Andererseits: Eindrcke und Informationen zu sammeln ist nichts Ungewhnliches, wir machen das tagein, tagaus, beim Autofahren, beim Kochen in der Kche oder beim Flanieren in der City. Und blo zu wissen, wo man Wissen findet, wenn man es braucht, bleibt letztlich unzureichend. Wer wirklich wissen will, muss es sich deshalb aneignen. Das ist bisweilen anstrengend und beschwerlich. Es erfordert Zeit, Ruhe, Mue und Konzentration. Erst wenn Daten und Informationen von jemandem gedanklich verarbeitet und/oder systematisiert werden, wird sie zu qualitativ hochwertigem Wissen. Genau darauf kommt es aber an, auf informiertes Wissen, nicht auf rohe und ungekochte Information, die sofort digitalisiert, automatisiert und outgesourct werden kann. Was die Wissensgesellschaft 2.0. vor allem bentigt ist Wissenswissen, Wissen ber das Wissen, Wissen, das in die Kultur eingebettet ist. Nur das ist letztlich wertvoll, fr sie, fr Kulturen und alle nachfolgenden Generationen. Dies aber, Information in Orientierungs- oder Referenzwissen zu verwandeln, knnen immer weniger Menschen. Um es zu generieren, braucht es nmlich nicht nur kognitiver Kompetenzen und Medienkompetenz, sondern auch und vor allem Empathie, Intuition und Fantasie. Vielleicht ist das auch der Grund, warum unsere Zeit fr Systematiker, Gro- oder Meisterdenker nicht gerade gnstig ist. Wird Wissen mit Information gleichgesetzt, dann fliet sie wie Wasser von hier nach da. Es wird beliebig und um die Ecken und Kanten seiner Aneignung und seines Besitzes gebracht. Deswegen sollten wir auch nicht den Ameisen folgen, die begierig und gedankenlos Daten zusammentragen, oder den Spinnen, die aus sich heraus irgendwelche Netze spinnen, sondern, wie Francis Bacon es in seinem Novum Organum anno 1620 ausgedrckt hat, der Biene nacheifern, die ihren Stoff sammelt, ihn dann aber durch eigene Kraft verarbeitet.  Cyberspace and the American Dream: Magna Carta for the Knowledge Age,  HYPERLINK "http://www.pff.org/position_old.html" http://www.pff.org/position_old.html. vom 22.8.1994.  Links zur Wissensgesellschaft. Gut zu wissen, Kongress an der HU in Berlin vom 4. - 6. Mai 2001, http://www.bildung2010.de/gutzuwissen/  http://www.forum-demographie.de/.  Peter Burke, Papier und Marktgeschrei, Berlin: Wagenbach 2001.  Thomas L. Friedmann, Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, Frankfurt: Suhrkamp 2006.  Zu einem hnlichen Ergebnis kommt auch Peter Sloterdijk. Auch er ortet in den groen Entdeckungsfahrten den Beginn der Globalisierung. Das entscheidende Merkmal der frhen Moderne war die weltweite Vernetzung, ausgelst durch die Expansion der Europer. Vgl. dazu: ders., Im Weltinnenraum des Kapitals. Fr eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt: Suhrkamp 2004.  Europa. Kultur der Sekretre, hg. von Bernhard Siegert und Joseph Vogl, Zrich/Berlin: Diaphanes 2003.  Vgl. Michel Foucault, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin: Merve 1986; sowie Gouvernementalitt der Gegenwart. Studien zur konomisierung des Sozialen, hg. von Ulrich Brckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Frankfurt: Suhrkamp 2000.  Peter Burke, Papier und Marktgeschrei a.a.O., S. 34 ff.  Das gilt im brigen auch fr die Enzyklopdisten. Was als Kind der Aufklrung beginnt, erweist sich bald als ein gigantisches Geschft. Statt um Aufklrung und Wissen geht es bei spteren Auflagen nur noch um Geld, wie der amerikanischen Historiker Robert Darnton berzeugend dargelegt hat. Vgl. dazu sein Buch: Glnzende Geschfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie. Oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?, Wagenbach: Berlin 1993.  Rume des Wissens. Reprsentation, Codierung, Spur, hg. von Hans-Jrg Rheinberger, Michael Hagner und Bettina Wahrig-Schmidt, Berlin: Akademie 1997.  Manuel Castells, Das Informationszeitalter, 3 Bnde, Wiesbaden: Leske + Budrich 2001/2002.  Niklas Luhmann, Die Weltgesellschaft, in: Archiv fr Rechts- und Sozialphilosophie 57 (1971), S. 1-35.  Das hat die Weltgesellschaft mit dem Internet gemein. Auch das Netz aller Netze kennt im Prinzip aufgrund seiner offenen Architektur weder Grenzen noch Zentrum. Weswegen es auch keine wirkliche Kontrolle im Netz geben kann.  Vgl. Michael Hardt und Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt: Campus 2001; sowie Joseph S. Nye, Das Paradox der amerikanischen Macht. Warum die einzige Supermacht der Welt Verbndete braucht, Mnchen: EVA 2003.  Man denke dabei nur an den globalen Erfolg des Online-Spiels Second Life.  Alvin und Heidi Toffler, Revolutionary Wealth, New York: Knopf 2006.  Vgl Gabor Steingart, Krieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden, Mnchen: Piper 2006.  Thomas Friedman, Die Welt ist flach .a.a.O., S. 17.  So Joseph S. Nye/William A. Owens, America's Information Edge, in: Foreign Affairs, 2/1996, S. 20; The one country that can best lead information revolution will be more powerful than any other.  Vgl. Saskia Sassen, Metropolen des Weltmarktes. Die neue Rolle der Global Cities, Frankfurt/New York: Campus 1996.  Dirk Baecker, Poker im Osten, Berlin: Merve 1998.  Geert Lovink, Digitale Nihilisten. Die Blogosphre unterminiert den Medienmainstream, in: Lettre International 73, Sommer 2006.  Vgl: Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualitt, Frankfurt: Suhrkamp 2003.  Klaus Schneberger/Stefanie Springer (Hg.), Subjektivierte Arbeit. Mensch, Organisation und Technik in einer entgrenzten Arbeitswelt, Frankfurt/New York: Campus 2003.  Eve Chiapello/Luc Boltanski, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: Uvk 2003.  Zu welchen Korrosionen des Charakters das fhren kann (Burn-out-Syndrom), schildert Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin: Berlin Verlag 1997.  Vgl. dazu Ulrich Brckling, Einleitung, in: Glossar der Gegenwart, hg. von ders., Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Frankfurt: Suhrkamp 2004.  Marion von Osten (Hg.), Norm der Abweichung, Wien: Springer 2003.  Vgl. dazu: Richard Florida, The Rise of the Creative Class: And How It's Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York: Basic 2003.  Vgl. dazu auch: Recht auf Faulheit? Zukunft der Nichtarbeit, hg v. Gerburg Treusch-Dieter, Zeitungsverlag Freitag 2001 sowie das Konzept der Glcklichen Arbeitslosen von Guillaume Paoli, Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche, Berlin: Bittermann 2002.  Vgl. Hermann Melville, Der Schreiber Bartelby. Eine Geschichte aus der Wall Street, Frankfurt: Insel 2004.  Kathrin Rggla hat diesen 24/7 Typen vor nicht allzu langer Zeit zu einigem literarischen Ruhm verholfen. Vgl. dies., Wir schlafen nicht, Frankfurt: Fischer 2004.  Holm Friebe/Sascha Lobo, Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohme oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, Mnchen: Heyne 2006.  Von ihm hat schon Jacques Attali und Vilm Flusser Anfang der 1990er geschwrmt und ihm ein literarisch-philosophisches Denkmal zu setzen versucht.  Going bedouin hat das krzlich das Szenemagazin Wired genannt. Vgl die Ausgabe 14.6. Juni 2006.  Thomas Friedman, Die Welt ist flach a.a.O, S. 259.  Hans Ulrich Gumbrecht, Keine Zeit fr Genies, in: Cicero. Magazin fr politische Kultur 11/2006.  Francis Bacon, Neues Organ der Wissenschaft, Leipzig 1830.     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