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| • Mitnahmeeffekt |
06.02.2010 - 13:06 |
Nun tritt also ein, was viele im Voraus schon vermutet haben. Es tauchen neue Angebote mit illegal erworbenen Daten auf, die den Behörden für ein erkleckliches Sümmchen angeboten werden, in Baden-Württemberg und in Bayern.
Derweil findet in diesen Stunden die Übergabe der brisanten Daten statt, für die der deutsche Staat zweieinhalb Millionen Euro locker macht, nur muss man sagen, denn der Anbieter hätte locker mehr verlangen können. In Frankreich, wie der "Focus" heute zu berichten weiß. Denn würde der Handel in Deutschland stattfinden, würde der Anbieter wohl verhaftet werden.
Was das für den demokratischen Rechtsstaat bedeutet, der das aktiv geförderte Denunziantentum als Rechtsgrund bislang nicht kennt, lässt sich bislang nur schwer einschätzen. Die rechtlichen Prüfungen, die man gemacht hat, scheinen derlei konspirative Treffen mit zwielichtigen Personen zu legitimieren. Auch in Sachen organisierter Kriminalität bedient man sich längst solcher Praktiken. Aber kann man beides auch gleich gewichten?
In einem Fall geht es um Schäden an Personen, im anderen um eine Körperschaft, die offensichtlich selbst juristisch nicht ganz einwandfrei operiert. Immerhin handelt es sich ja in der Mehrzahl um bereits versteuerte Summen. Imgrunde ist es ja diese Mehrfachbesteuerung, die die Leute ins Ausland treibt.
Weswegen wir auch die Frage aufwerfen müssen, ob die zweieinhalb Millionen, die der Tippgeber erhält bereits versteuertes Geld ist oder die Summe nach Erhalt auch noch versteuern muss? |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Dem Populismus geschuldet |
06.02.2010 - 11:17 |
Wie weit darf ein Staat, wiewohl er sich noch demokratisch legitimiert, eigentlich gehen, bis er sich selbst und seine Werte, auf die er sich doch gründet und beruft, ad absurdum führt? Heiligt der Zweck immer die Mittel?
Angesichts des Datenklaus, dessen sich offenbar ein EDV-Mitarbeiter einer schweizerischen Großbank bedient hat, um mal wieder a) große Kasse zu machen oder b) sich für erlittene Schmach oder Demütigung an Vorgesetzten zu rächen, muss man sich solche Fragen wieder mal stellen.
Dabei muss man gar nicht so weit gehen wie manche Kommentatoren und Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Die Folterandrohung, die einem Kriminalbeamten einst zum Verhängnis geworden ist, um Leben zu retten, und der Hehlervorwurf, der jetzt an den deutschen Staat ergeht, wenn er die Daten kauft, sind nicht unbedingt vergleichbar.
Nicht jedes Dilemma gleicht dem anderen.
Trotzdem muss man sich fragen, inwieweit die Verantwortlichen, die ein prima Geschäft wittern, andere Täter nicht zur weiteren Nachahmung animieren. Meint man, die Gesinnung ist auch dann noch rein, wenn man anderen die schmutzige Arbeit machen lässt?
Denn dass Daten nicht wirklich zu sichern sind, es immer Hacker geben wird, die Codes brechen, hat sich mittlerweile ja herumgesprochen. Nicht umsonst bereitet man sich in aller Welt auf künftige Cyber- und Hackerkriege vor.
Wo verläuft also fortan die Trennlinie? Wann ist oder wird der Erwerb illegal Daten akzeptabel? Etwa dann, wenn der Staat sich einen gewaltigen finanziellen Reibach davon versprechen kann und weite Teile der Bevölkerung diesen "Kuhhandel" auch noch gutheißen? Heiligt also auch der Populismus jedes Mittel? Oder ist der Staat nicht doch mehr als die Summe seiner Teile? Baut er, und da vor allem der demokratische Rechtsstaat, nicht auch auf Werten und Idealen auf, die ihm eine solche Aushebelung des Rechts verbieten?
Denn eins ist doch auch klar. Diejenigen, die das jetzt gutheißen und exekutieren, spielen auf einer gefährlichen Tastatur. Sie nehmen vielleicht auf den Wogen populistischer Stimmungen Hunderte von Millionen ein, tragen den demokratischen Rechtsstaat damit aber gleichzeitig aufs Schafott. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Entzaubert und nackt |
06.02.2010 - 11:16 |
Den Absturz, den der 44. Präsident der Vereinigten Staaten in der Meinungsgunst der Amerikaner jüngst hat hinnehmen müssen, ist gewaltig, von 70 auf nur noch knapp 48 Prozent (Der Lack ist ab, der Glanz verflogen). Diese Fallhöhe hat noch keiner seiner Vorgänger hingekriegt, Nixon nicht, Clinton nicht und sogar Bush nicht. Und das, obwohl ihm die Stockholmer Akademie im November letzten Jahres noch den Friedensnobelpreises verliehen hat.
Gewiss waren die "Krisen", die er im ersten Amtsjahr hat meistern müssen, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Autokrise, Jobkrise, Klimakrise, Weltkrise, riesig. Mit so viel Krisen auf einmal war bislang auch noch keiner seiner Amtsvorgänger konfrontiert.
Freilich hat zuvor auch noch niemand und weltweit so viel Hoffnungen geweckt und Erwartungen geschürt wie jener "Mr. Change" ("Amerikas Versprechen und seine historische Mission in und für die Welt"). Was hat er seinen Landsleuten vor, bei und nach seiner Amtsübernahme am 20. Januar letzten Jahres nicht alles versprochen: eine friedlichere Welt und eine gerechtere Gesellschaft, eine ökologischere Politik und einen gezähmten Kapitalismus.
Doch am Ende seines ersten Amtsjahres steht er entzaubert und nackt da wie weiland jener Kaiser ohne Kleider. Von "Hope" und "Change", jenen Zauberwörtern, mit denen er den grandiosen Sieg einfuhr und weltweite Verzückung hervorrief, ist längst nicht mehr die Rede. Und von der Erneuerung des Landes, seiner Werte und seines politischen Systems ebenso wenig.
Nichts von dem, was der Ehrgeizling und soziale Aufsteiger aus Chicago vollmundig angekündigt hat, hat er umgesetzt. Statt die politischen Lager zu versöhnen, den von der Finanzkrise gebeutelten Amerikanern eine neue Lebensperspektive zu vermitteln und den amerikanischen Führungsanspruch in der Welt zu erneuern (Renewing American Leadership), hat er sich in innenpolitische Kleinkriege verstrickt und sich auf diplomatische Scharmützel in und außerhalb des Landes eingelassen. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • A Fallen Angel |
06.02.2010 - 11:15 |
In diesen Monaten und Jahren feiert der Madchester Rave sein zwanzigjähriges Bestehen. Peter Hook, ehemals Bassist der Electronic-Waver New Order hat diese (w)irre Zeit aus Drogen, Gangs und Guns in seinem Buch "Hazienda" für die Nachwelt festgehalten. Dort, im Herzen Manchesters, nahm die Clubkultur ihren Ausgang; und dort in der Hacienda prägten die Happy Mondays, 808 State jenen Acid-Sound, der am besten von den Stone Roses (re)präsentiert wurde und noch Jahre später den Brit-Pop und eine ganze Musikergeneration von Oasis über die Arctic Monkeys bis hin zu Kasabian prägte.
Gestern war der ehemalige Vorsteher der "Stone Roses", der Sänger Ian Brown in München, um seinen neuen Longplayer "My Way" vorzustellen und zu promoten. Erneut bewies, dass er stimmlich nicht gerade zu den Besten seines Faches gehört. Was im Studio durch Technik kaschiert wird, ist live nicht zu verbergen. Ian Brown trifft eher selten den richtigen Ton, was aber die Band mit ihrem hervorragenden Spiel meist ausgleichen kann.
Dafür ist Brown aber ein begnadeter Songschreiber. Im "Backstage" gab es während der 75 Minuten so eine Art Best of seines Schaffens in den letzten fünfzehn Jahren zu hören. Von "F.E.A.R" und "Golden Gaze" über "My Star" und "Corpses in their Mouths" bis hin zu "Longsight M13" und "Love Like A Fountain" als krachende Zugabe gab es alle seine bekannten Songs zu hören.
Alt ist er geworden, so alt wie mancher seiner Fans. Und streitlustig wie eh und je. Bereits zu Beginn forderte er so manchen kräftigen Kerl, der sich vor der Bühne aufgebaut hatte und etwas breitbeinig und unbeweglich herumstand, zum Duell heraus.
Neben etlichen "Altgedienten" waren aber auch erstaunlich viel junge Leute darunter. Auch eine Tanja, die mit ihrer Freundin aus Stuttgart extra mit dem Zug angereist war und behauptete, mit zwölf oder dreizehn Jahren bereits Stone Roses Fan geworden zu sein. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Dumm und idiotisch |
06.02.2010 - 11:15 |
Dem 19. Jahrhundert galt die "Masse" als "soziale Verfallsform". Der Philosoph Hegel hielt sie für "formlos", die Junghegelianer verachteten sie. Bruno Bauer erblickte in ihr "den Verfall der Gattung in die Menge einzelner Atome". Nur Karl Marx hielt große Stücke auf sie. Er wollte ihr "Klassenbewusstsein" einimpfen und die Massen zur Revolution animieren.
Diese Hoffnungen hegt in liberalen Gesellschaften niemand mehr. Selbst die extreme Linke hat mittlerweile davon Abstand genommen. Auch für sie ist die Masse kein "Subjekt" mehr, das qua Aktion sich selbst und alle anderen aufheben könnte. Weder hat sie dafür eine eigene Sprache, noch gibt es jemand, der in ihrem Namen sprechen könnte.
Wer aktuell von "Masse" spricht, der hat daher meist etwas "Amorphes", "Diffuses" oder "Schwammiges" vor Augen. Masse ist ohne jede "Qualität" oder gar "Polarität", sie repräsentiert nichts, sie bezieht sich auf nichts, außer auf sich selbst. Auf sie kann sich, wie einst auf die "Nation", das "Volk" oder die "Klasse", niemand mehr berufen. Für den Soziologen oder sozial Bewegten funktioniert sie allenfalls wie eine "verworrene Idee", deren Sinn zwar diffus, aber weiterhin im Gebrauch bleibt.
Umso bemerkenswerter ist, dass die "Masse" im Zuge kollaborativer Einrichtungen, wie Wikipedia oder das Mitmach-Web sie für den geneigten User bereithalten, zu neuem Ansehen und Einfluss gekommen ist.
"Irgendwann zwischen 2000 und 2005", will der Frankfurter Soziologe Manfred Faßler wissen, sind "die idiotischen Massen zu smarten Mengen" geworden. Unter dem Eindruck des "Gesetzes der großen Zahl" hätten sich "die vernetzten, instantan verständigen Vielen zu einer Quelle von Intelligenz, Wissen, Produktinnovation gemausert". In diesen "global vernetzten Mensch-Informations-Programmen" werde das "Ende der Gesellschaftszeit" eingeleitet. Statt Solidarität, Achtung und Vertrauen an Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen zu adressieren, werden wir sie bald an "Zufalls- und Informationsgemeinschaften" weiterreichen.
Ob jedoch das "Gesetz der größeren Zahl", unser Wissen und unsere Entscheidungsprozesse wirklich nachhaltig verbessert, steht in den Sternen. Eine "Weisheit der Masse", wie sie dem US-amerikanischen James Surowiecki vorschwebt, gibt es bei Lichte betrachtet nur in Büchern oder Modellen. Massen können ebenso grottenschlechte Urteile oder folgenschwere Fehlentscheidungen treffen wie jeder Einzelne. Durchschnitte, Stichproben oder Wertungen von Kunden spiegeln im Grunde nur den Mainstream. Sie geben an, was gerade en vogue und populär ist. Über die Ausnahme, die allen Normierungen trotzt oder widersteht, und die häufig die interessanteren Einsichten, Lösungen und Erlebnisse vermittelt, erfährt der User hingegen nichts.
Massen folgen eher dem Gewohnten und Vertrauten als dem Fremden und Unbekannten. Darum sind Neuerungen auch meist von Solitären geleistet worden, von Namen und Adressen, die ihr Augenmerk auf das Besondere, das Singuläre oder die Ausnahme gerichtet haben. Ohne die Distanz zur Masse, Mehrheit oder den Vielen, wären weder Nietzsche noch Rimbaud oder Duchamps denkbar. Sie und viele andere Einzelne waren es, die die Welt mit anderen Perspektiven, Werten oder Einsichten vertraut gemacht haben. Dass vor allem sie die Masse verachtet und verspottet und sie für dumm und gefährlich gehalten haben, verwundert daher nicht. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Huldigung einer Unbeugsamen |
06.02.2010 - 11:14 |
Katharina Rutschky ist tot - nach langer Krankheit, wie es offiziell heißt. Gestorben vermutlich an Krebs. Die Krankheit konnte sie am weiteren Rauchen nicht hindern, wenn man den Nachrufen trauen kann. Es ging ihr vor Weihnachten weider ganz gut, sie rauchte auch genüsslich. Auch das gehörte vermutlich mit zu ihrer Lebenseinstellung.
Es war Ende der Achtziger Jahre, als ich sie einlud, einen Beitrag über die "Zukunft oder Ende der Frauenbewegung" zu schreiben. Sie schrieb nicht, sondern rief mich an. Sie hatte durchaus Interesse, aber da ich ihr kein Honorar zahlen konnte, kam es zu keiner Zusammenarbeit.
Damals hatte sie gerade gegen die feministischen Fundamentalistinnen opponiert. Diese hatten gerade den Kindemissbrauch als "Instrument und Waffe" entdeckt, um den Männern nicht nur was auszuwischen, sondern sie auch von den eigenen Kindern fernzuhalten, die fortan nur noch in Frauenhand bleiben sollten. So die Ideologie vor zwanzig Jahren. Dagegen hatte sie sich gewehrt. Und dafür wurde sie auch massiv angegangen.
Auch hatte sie gegen eine "erregte Aufklärung" Stellung bezogen, gegen jene also, die glaubt, ihre Werte únd Normen seien die allein Seligmachenden. Das hatte sie einerseits für den "Merkur" interessant gemacht, der ihr eine Zeitlang eine eigene Kolumne anbot. dafür hatte sie andererseits aber auch Prügel bezogen. Namentlich von jenen, die sie jetzt nach ihrem Tod über Gebühr für ihr Querdenkertum loben.
Sie hat zwar nie Verrat an den Idealen der Achtundachtsechziger begangen. Dem Poststrukturalismus gegenüber blieb sie immer skeptisch. Sie sah diese Zeit als notwendig an, um wieder Luft unter den Armen zu bekommen. Sie hat aber auch gesehen, wo sie übers Ziel hinausgeschossen sind. Da war sie sich mit ihrem Mann Michael, der diese Zeit als "Erfahrungshunger" einst beschrieben hat, ziemlich einig. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Überfordert und abgelenkt? |
06.02.2010 - 11:13 |
"Multitasking ist Körperverletzung", klagt Frank Schirrmacher in Payback, seinem seitdem vieldiskutierten Werk. Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, Schreiben, Lesen, Zuhören und Sprechen, heißt bei ihm, "ständig abgelenkt" zu sein, nicht mehr "zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden" und so die Kontrolle über all das zu verlieren, was Menschen von Rechenmaschinen unterscheidet, nämlich "Kreativität, Flexibilität und Spontaneität".
Nun könnte man kühl dagegen einwenden, dass "die" Menschen, die der FAZ-Herausgeber und selbsternannte Netzavantgardist vor Augen hat, über diese Fähigkeiten, zumindest in der dargestellten Breite, gar nicht verfügen. Weder im realen noch im virtuellen Leben.
"Sind das noch Menschen", fragt sich 1874 schon Nietzsche, "oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Rechenmaschinen", ehe er sich acht Jahre später eine Malling-Hansen Schreibkugel zulegt, um fortan selbst zur Schreibmaschine zu werden, die statt ausgefeilter Gedanken und Argumenten fortan nur noch Aphorismen, Wortspiele und SMS absondert.
Folgt man US-Studien zum Internetverhalten, dann weisen amerikanische Surfer, und die Zahlen dürften hierzulande nicht viel anders sein, im Schnitt einen Intelligenzquotienten von gerade Mal 100 auf, einen Wert, der von der realen Gesamtbevölkerung nicht entscheidend abweichen dürfte.
Erst recht entdramatisiert wird Schirrmachers Behauptung durch den so genannten Flynn-Effekt. Dieser besagt, kurz gefasst, dass im Laufe der Jahrzehnte der Intelligenzquotient der Bevölkerungen in den reicheren Gesellschaften stetig gewachsen ist.
Dass Medientechnologien diesen Vorgang beschleunigt haben, will der Wirtschaftsökonom Tyler Cowen in Three Tweets for the Web zwar nicht unbedingt behaupten. Gleichwohl hat er aber auch nicht den Eindruck, dass die Leute dadurch irgendwie dümmer oder unaufmerksamer geworden seien. "Eine von Multitasking gestresste Gesellschaft", so seine Schlussfolgerung, "scheint folglich durchaus kompatibel zu sein mit höheren IQ-Werten."
So düster, wie Schirrmacher sie uns schildert, kann die Lage also nicht sein. Zweifellos leben wir inmitten einer Zeit großer kultureller Veränderungen. Gewiss verändert die Internetkultur auch die kognitiven Strukturen des menschlichen Gehirns nachhaltig. Freilich ist das Internet nicht die erste Kultur, die diese vermeintliche "Deformierung" des Gehirns anrichtet. Seit Platons "Phaidon" wissen wir, dass der Philosoph Sokrates, von dem bekanntlich nichts Schriftliches übermittelt ist, schon damals, beim Übergang von der Sprache zur Schrift, befürchtet hat, dass das Gedächtnis der Menschen künftig lückenhafter würde und sie daher immer vergesslicher würden, sollten sie ihre Gedanken veräußerlichen und sich zunehmend auf das geschriebene Wort verlassen.
Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass das Leiden an der "Informationsflut" auch und vor allem eine Frage der Filterung und ihrer Qualität ist. Wer nicht die richtigen Werkzeuge besitzt oder nicht weiß, wie er sich des Netzes bedient oder sich darin richtig bewegt, wird dort wie im Straßenverkehr, im Betrieb oder an der Börse scheitern. Kognitiver Schaden entsteht nicht durch die Vielfalt neuer Medientechnologien, sondern nur dann, wenn das Ganze aus dem Ruder läuft. Wer an all dem scheitert oder laut darüber klagt, verrät nur viel über seine eigene Unfähigkeit, Ordnung, Organisation und Sinn in seinen Alltag zu bringen. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Mediale Hysterie |
06.02.2010 - 11:13 |
Sibirische Verhältnisse in Deutschland. So haben es die Meteorologen angekündigt. Und genau wie vorausgesagt seien sie eingetroffen, behauptet Meteomedia-Meteorologe Andreas Wagner. Das Schneetief "Daisy" habe seit Freitag für Dauerfrost bis zu zehn Grad minus und ergiebige und intensive Schneefälle gesorgt.
Das muss dann aber ein sehr launiges Sibirien sein, zehn Grad unter Null und die paar Flocken Schnee, die seitdem gefallen sind. Das prophezeite Unheil und Chaos sei zwar ausgeblieben, aber Hunderte von Unfällen, ausgefallene oder verspätete Flüge oder Züge sind schon hoch bedenklich. Da muss man schon mal die Supermärkte leerkaufen, Vorräte für die nächsten Tage ansammeln und sich zu Hause einbarrikadieren.
Wenn das die Voraussagen sind, die die Wetterfrösche für uns bereithalten, dann Gute Nacht. Dann weiß man auch, was man vom angeblich bevorstehenden "Klimawandel" zu halten und zu erwarten hat, nämlich nichts. Immerhin müsste sie nicht auf eingekauften Impfstoffen sitzenbleiben. Das Wetter regelt sich wenigstens von selbst. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Klimazirkus beendet |
06.02.2010 - 11:12 |
120 Staats- und Regierungschefs, 45 000 Politiker, Diplomaten und selbsternannte Wichtigtuer und Adabeis - das ist die gigantische Bilanz eines Klimagipfels, den Kopenhagen in vierzehn Tagen erleben musste.
Wie viele sinnlose Energie das gekostet und dadurch verbraucht worden sind, an materieller und an geistiger, hat niemand aufgelistet oder ausgerechnet. Da hätte man sich vieles sparen können. Aber das interessiert ja auch niemand, der sich nach der Globalisierungskritik nun dem Klima und dem Projekt der Weltenrettung verschrieben hat. Für all diese ist ausgemacht, dass wir vor der Ökokatastrophe stehen. Zum wievielten Male eigentlich?
Nun hat sich auch der offenbar unvermeidliche Peter Sloterdijk in die Debatte eingemischt und seinen luziden Senf dazugegeben. Auch er musste unbedingt nach Kopenhagen reisen und seine Erkenntnisse erst einem ausgewählten Publikum kundtun, um sie später dann nochmals in den Zeitungen "Die Welt": Wie groß ist groß? und "Süddeutschen" auszubreiten. Beispielsweise will er wissen, dass das Projekt Ypsilanti in Hessen damals nur deswegen gescheitert ist, weil mächtige Energieunternehmen dies zu verhindern wussten. Danach wollte Herr Scheer, SPD-Linker und Lobbyist der Solar-und Windenergiewirtschaft, die von staatlichen Subventionen bislang nur so zugeschüttet wird wie kein andere Industriebereich bislang, ein Ökoprojekt mit erneuerbaren Energien starten, das alles bislang Bekannte in den Schatten gestellt hätte. Nur der politisch unclever handelnden Ypsilanti sei es zu verdanken, dass dieser Coup des Hermann Scheer gescheitert sei. Anstatt nur zu warten, bis alle geschrien hätten, nun machs doch endlich mit den Linken, sei sie vorschnell nach vorne geprescht und damit glorreich gescheitert.
Ach Sloterdijk, wenn ab und an doch schweigen könntest und bisweilen erst denken und dann plappern könntest! So gewiss ist das mit den anthropogenen Anteil am Klimawandel ja nicht bestellt, wie uns das aus allen Kanälen seit Jahren um die Ohren gehauen wird. Die Prognosen beruhen nur auf Modellen und nicht auf Fakten. Und wie schlecht begründet Modelle sind, aus denen sich Prognosen für die Zukunft ablesen lassen, wissen wir schon seit geraumer Zeit.
Allein wer sich die Wetteraufzeichnungen der letzten 300 Jahre anschaut, im Übrigen der einzig einigermaßen verlässliche Faktor in dieser Debatte, wird zu ganz anderen Schlüssen und Einsichten kommen, als unser Treibhausphilosoph. Man lese diesbezüglich mal das Interview mit dem Klimaforscher Horst Malberg über die Abkühlung der Erde. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Witziges Interview |
06.02.2010 - 11:11 |
Jeden Samstag bietet die "Süddeutsche Zeitung" ihren Lesern auf der letzten Seite ihrer Wochenendbeilage ein "Interview der Woche" zu einem bestimmten Motto oder Thema.
Nicht immer ist es interessant. Bisweilen liegt es auch am Interviewten, der keine große Lust verspürt, auf die Fragen seines Gegenübers einzugehen oder mehr als das Übliche preiszugeben. Manchmal liegt es aber am Interviewer selbst, weil er nicht richtig vorbereitet ist. Oder er es einfach nicht versteht, sein Thema rüberzubringen oder auch nur annähernd auszuführen.
Dieses Mal ist es wirklich gelungen. Was vor allem am Thema Ich bin schon fast tot, aber auch am Interviewten, an Ozzy Osbourne, ehemals Sänger der rollenden Metal-Formation "Black Sabbath" und später Hauptdarsteller der MTV-Familiensaga "The Osbournes".
Das Leben des Rock & Rollers, lernt man da, ist nicht nur hart und aufregend, es ist auch seltsam banal und häufig auch von allerlei Versagens- und Verlustängsten erfüllt, die durch Alkohol und andere Drogen unterdrückt und bekämpft werden.
Vierzig Jahre besoffen zu sein, man mag kaum glauben, dass er das überlebt hat, haben aus Ozzy Osbourne ein geistiges und seelisches Wrack gehabt, ein Leben, das er ohne seine Frau Sharon, Hebamme und Mutter, kaum noch führen könnte. Dass er sie deswegen im Rausch fast schon mal zu Tode gewürgt, er sich danach bei ihr entschuldigt hat und sie ihn trotzdem weiter pflegt, grenzt an ein Wunder.
Am schönsten sind die Passagen, wo er erzählt, wie er wegen des Alkohols ständig durch die Führerscheinprüfung gerasselt ist und die Hühner seiner ersten Frau totgeschossen hat, weil er sie nicht füttern wollte; dass er von verrückten Satanisten verfolgt worden ist, die ihm aufgeschlitzte Ratten schicken, weil sie das Spiel mit satanistischen Reliquien für bare Münze nehmen; und dass er blöderweise mal auf eine lebendige Fledermaus gebissen hat, die ihm ein Fan auf die Bühne geworfen hat und die er für Plastikzeug gehalten hat.
Letzteres ist zwar allgemein bekannt und Ozzy Osbourne windet sich auch angesichts der ständigen Wiederholung. Aber wie er das erzählt und rüberbringt, ist äußerst amüsant und lesenwert. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
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Janko Röttgers, Die Zukunft des Internets
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Mercedes Bunz Die Utopie der Kopie
Florian Rötzer, In Parasitopia
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Utopien scheinen aus der Mode gekommen. Kriege, ökologische Katastrophen und zunehmende Ungleichheiten nähren Apathie und Pessimismus. Zwar gibt es Stimmen, die teilweise lautstark bekunden, daß eine andere Welt möglich sei, aber es fehlen die Visionen, das Katapult, das aus der Gegenwart trägt.
Vergangene Utopien sind hauptsächlich deswegen gescheitert, weil sie zu unrealistisch waren. Sie haben die Komplexität der sozialen Evolution und die Widersprüche der menschlichen Natur nicht in Betracht gezogen und so zu spektakulären Verfehlungen geführt. Jüngste Entwicklungen, wie beispielsweise in der Evolutionspsychologie oder der Theorie komplexer Systeme, geben uns inzwischen aber grundlegendere Einsichten in solche Komplexitäten.
Neue Utopien haben diese Ergebnisse zu berücksichtigen. Andererseits sollte eine Utopie auch unmittelbar ansprechen. Hier setzt dieser Band an. Ihm geht es darum, einfache, aber realistische Utopien anzureißen, die Science und Fiction, Wissenschaft und Vorstellungskraft narrativ aufeinander zu beziehen. Die Aufmerksamkeit der Autorinnen und Autoren, darunter Francis Heylighen, Charles Lumsden, Peter Glotz, Claus Leggewie, und Gundolf Freyermuth, richtet sich dabei nicht bloß auf die neuen Crossover-Wissenschaften, auf Bio- und Nanotechnologien, auf Computer- und Netzwerktechniken, auf Robotik und Posthumanismus, sondern auch und vor allem auf die klassischen Bereiche der Utopie, auf Politik und Arbeit, auf Kunst und Gesellschaft.
Rudolf Maresch ist freier Medientheoretiker und Publizist, Florian Rötzer Autor und Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Sie sind Herausgeber des Bandes Cyberhypes (es 2202).
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