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| • Mutti macht den Kohl |
29.07.2010 - 14:39 |
"Mutti" macht den "Kohl"
Machen wir uns nichts vor – auch diese Regierung kann es nicht. Dabei war die schwarz-gelbe Koalition noch im Herbst letzten Jahres voller Zuversicht und mit großen Erwartungen an den Start gegangen. Doch zehn Monate danach sind von all den guten Wünschen nur noch Lärm und "sinnloses Gezänk" geblieben.
Zu all dem, was sich derzeit in Berlin rund um das Kanzleramt abspielt, fällt mir Konrad ein, der sich angesichts dieser Zustände sich in Thomas Phynchons "Versteigerung von No. 49" fragt: "Und was haben wir in Wirklichkeit? Eine Anarchie von eifersüchtigen deutschen Fürsten. Hunderte davon machen Pläne und Gegenpläne, zerstreiten sich untereinander und zersplittern die ganze Kraft des Reiches mit sinnlosem Gezänk."
No Exit in Sicht
Fatal daran ist nur, dass auch eine andere "Farbenkonstellation", die von Rot-Grün oder von "Rot-Rot-Grün" etwa, weder über "Karte" noch "Kompass" verfügen, wie der „Zerfall des Reiches“ (Oedipa Mass) und der Niedergang des politischen Systems aufgehalten könnte. Auch eine "linke" Regierung wird weder regieren noch entscheiden und keinen finden, der die „Nachrichtenlinien“ in die Hand nehmen könnte. Auch sie wird vorwiegend unter- und miteinander streiten, ideologisch "rechthubern", ihre Klientel bedienen und dabei nur eins im Sinn haben, nämlich Geld auszugeben, das sie a) nicht hat, und das ihr b) auch nicht gehört. An den Plänen der neuen Landesregierung in NRW zur Bildungs- und Familienpolitik lässt sich das schon mal trefflich studieren.
Dabei hätte die Politik durchaus Mittel an der Hand, die ihr das Regieren und Entscheiden auch gegen Widerstände erlauben würden. Anders als die sozialen Systeme Wirtschaft, Kunst, Religion oder Erziehung hat sie ein Gewaltmonopol. Allein dadurch verfügt sie über umfassendere Möglichkeiten, in die Kompetenzbereiche anderer Teilsysteme der Gesellschaft aktiv einzugreifen oder deren Aktivitäten zu begrenzen.
Das kann man nicht nur an den siegreichen Volksentscheiden in Bayern und Hamburg zum Rauchverbot oder zur Primarschule erkennen, wo Teile der Bevölkerung das Ansinnen oder Verweigern von Politik in ihre Grenzen gewiesen haben. Das kann man auch am wachsenden Erfolg autokratischer Regierungsformen in China, den Tigerstaaten Asiens oder den Ölförderländern am Golf ablesen.
Längst erweisen sich liberale Demokratien mit ihren langwierigen Entscheidungsprozeduren und Konsensbildungen als viel zu schwerfällig, um den Problemen, die die Demografie, der Klimawandel, der Alterungsprozess, die Schuldenfalle, die Sozialsysteme usw. aufwerfen, politisch entgegenzuwirken.
Machtwörter setzen
In repräsentativen Demokratien hat man dafür immerhin das "Machtwort" erfunden. Gerhard Schröder hat ab und an davon Gebrauch gemacht und damit die "Richtlinien" der Politik, wie es qua Amt auch Aufgabe des Kanzlers ist, bestimmt. Dies hat ihm gelegentlich auch den Beinamen des "Basta-Kanzlers" eingebracht.
Ob Machtwörter als Zeichen energischen Durchgreifens immer auch Zeichen der Schwäche sind, darüber kann man geteilter Meinung sein. Die Lesart hängt entscheidend von der Person, der Stellung und dem Ansehen ab, die diese beim Publikum oder den Akteuren genießt. Bei Gerhard Schröder haben sie Wirkung gezeigt, zumindest eine Zeitlang. Da ist die Partei ihm, zähneknirschend zwar, gefolgt – auch gegen ihre ideologische Überzeugung.
Und es mag auch sein, dass sich Machtwörter mit der Zeit und nach zu häufigem Gebrauch abnützen und die Autorität des Machtwortsprechenden dadurch eher geringer als stärker wird. Schröder musste bekanntlich dann ja auch gehen. Schlimm war das weder für ihn noch für die Republik. Zum einen fand er rasch einen hoch dotierten Posten in der Wirtschaft, zum anderen bekam die Republik ebenso schnell eine neue Regierung.
Kanzlerschaft, Regierungsämter und Koalitionen sind, was häufig vergessen wird, auf Zeit ausgelegt. In der Regel auf vier Jahre. Und das ist auch gut so. Mithin gibt es da auch keine Schutzwälle aufzurichten oder Erbhöfe zu verteidigen. Hat eine Regierung abgewirtschaftet und haben sich ihre Führungsfiguren verbraucht, dann soll es eben jemand anders versuchen und besser machen.
In der griechischen Antike, die gemeinhin als die "Wiege der Demokratie" gilt, hat die Bevölkerung ihre "politische Eliten" per Losverfahren ermittelt. Und mit der Einrichtung des "Scherbengerichtes" wusste sie zu verhindern, dass einzelne Politiker sich zu lange im Amt hielten, die Bevölkerung mit ihrer Präsenz belästigten oder sie zwangen, ihre Überzeugungen zu teilen.
Machtworte wirken deshalb nur, wenn einer wirklich die Macht hat und andere diese Macht auch akzeptieren. Steht diese aber in Frage, dann wirken Drohungen damit nicht nur lächerlich und Forderungen danach werden illusorisch, man demonstriert dadurch auch nur die eigene Saft-, Macht- und Kraftlosigkeit. Nur noch Erinnerung
Ist dies der Fall, dann muss man nicht nur nach Kapstadt zur Fußball-WM reisen und sich an Jogis Erfolgstruppe "heranwanzen"; dann muss man auch auf das öffentlich-rechtliche "Staatsfernsehen" vertrauen, das jede Jubelszene auf der Ehrentribüne einfängt und penibel ins Bild setzt.
Adorno bemühen
In allen derartigen Fällen gilt dann, in leichter Abänderung eines Wortes jener Satz, mit dem der Philosoph Adorno seine "Negative Dialektik" Mitte der sechziger Jahre anheben lässt: "Politik, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward."
Anders gesagt: Die Politik hat ihr Versprechen auf Veränderungen nicht eingelöst. Und weil es nur noch Politiker gibt, die keine wirkliche Politik betreiben, wird fortan nur noch die Erinnerung lebendig gehalten, daran, "nicht dermaßen regiert zu werden" (M. Foucault). Der Preis dieser Nicht-Politik und die Antwort auf die immer breiter werdende Gegenwart tragen daher Namen und Adresse. Sie heißen: Angela Merkel.
Es sollte daher niemanden groß verwundern, dass belangloses und schönfärberisches Selbstlob, das die Kanzlerin auf der traditionellen Bundespressekonferenz den versammelten Hauptstadtjournalisten in ihre Laptops diktiert, jenes Loch stopfen muss, das ihre Politik niemals wird schließen können.
Immerhin und Gott sei Dank kommt man dann auch nicht in Not, um ein drittes Mal ein Adorno-Wort zu bemühen, später, nach ihrem Fall, sich solidarisch mit Merkels Politik zeigen und erklären zu müssen.
Doch das ist Zukunftsmusik. Denn wiederkommen wird die Kanzlerin, nach der Sommerpause, das hat sie uns allen versprochen, bevor sie in die Ferien abgerauscht ist – zum Leidwesen aller. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Rockfeuerwerk |
18.07.2010 - 16:18 |
Letztes Jahr wollten sie schon mal durchs Land touren. Aus Krankheitsgründen musste das dann abgesagt werden. Dieses Jahr hat es endlich geklappt. The Hold Steady, die Jungs aus Brooklyn, waren da. Zum ersten Mal hierzulande überhaupt, in Köln, Berlin und im 59:1 in München und anschließend auf den Southside und Hurricane Festivals.
Oft werden sie ja mit Bruce Springsteen verglichen. Natürlich sind Einflüsse da. Zweifellos hat der Boss sie inspiriert. Aber sie darauf zu reduzieren wäre grundlegend falsch und auch ungerecht. The Hold Steady pflegen ihren eigenen, unnachahmlichen Stil, der sofort bei den ersten Klängen zu erkennen ist. Dafür sorgt allein schon Craig Finn, Sänger und Texter der Band, mit seiner rauchigen Stimme.
Im Gegensatz zu etlichen anderen Bands, kennt die Band das Problem mit den verflixten zweiten oder dritten Scheiben nicht. Mit Ausnahme vielleicht ihres vor ein paar Wochen erschienen Fünftlings, der nicht ganz die Qualität der anderen hat, überzeugen alle vier Vorgänger. Bedenkenlos kann man sich eines davon zulegen.
In München brannten sie eineinhalb Stunden dauerndes Rockfeuerwerk ab, das von „sägenden“ Gitarren und wunderbaren Power-Riffs getragen wurde. Da der Gig von vielleicht gerade mal zwei oder drei kurzen Pausen unterbrochen war, in denen Craig Finn mit dem Publikum kommunizierte und etwas zu einem Song erzählte, dadurch ein Song nahtlos an den anderen sich anfügte, entstand eine druckvolle Atmosphäre, die auch zu keinem Stimmungsabfall führte.
Zweifellos gehören The Hold Steady zum besten Rockexport, das Amerika derzeit zu bieten hat. |
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verfasst von: Rudolf Maresch |
| • Neustes Buch |
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Francis Heylighen, Das Globale Gehirn als neue Utopia
Janko Röttgers, Die Zukunft des Internets
Charles J. Lumsden, Das Posthumane Zeitalter: Das Spiel der Werkzeuge und das genomische Vergessen einer utopischen Spezies
Mercedes Bunz Die Utopie der Kopie
Florian Rötzer, In Parasitopia
Hubert Mania, Baudrillards Pfeife
Hans-Arthur Marsiske, Lockruf des Alls
Goedart Palm, Die Zukunft des Krieges
Guillaume Paoli, Die Hinterbliebenen
Der Klub der Utopisten
» Informationen:
Utopien scheinen aus der Mode gekommen. Kriege, ökologische Katastrophen und zunehmende Ungleichheiten nähren Apathie und Pessimismus. Zwar gibt es Stimmen, die teilweise lautstark bekunden, daß eine andere Welt möglich sei, aber es fehlen die Visionen, das Katapult, das aus der Gegenwart trägt.
Vergangene Utopien sind hauptsächlich deswegen gescheitert, weil sie zu unrealistisch waren. Sie haben die Komplexität der sozialen Evolution und die Widersprüche der menschlichen Natur nicht in Betracht gezogen und so zu spektakulären Verfehlungen geführt. Jüngste Entwicklungen, wie beispielsweise in der Evolutionspsychologie oder der Theorie komplexer Systeme, geben uns inzwischen aber grundlegendere Einsichten in solche Komplexitäten.
Neue Utopien haben diese Ergebnisse zu berücksichtigen. Andererseits sollte eine Utopie auch unmittelbar ansprechen. Hier setzt dieser Band an. Ihm geht es darum, einfache, aber realistische Utopien anzureißen, die Science und Fiction, Wissenschaft und Vorstellungskraft narrativ aufeinander zu beziehen. Die Aufmerksamkeit der Autorinnen und Autoren, darunter Francis Heylighen, Charles Lumsden, Peter Glotz, Claus Leggewie, und Gundolf Freyermuth, richtet sich dabei nicht bloß auf die neuen Crossover-Wissenschaften, auf Bio- und Nanotechnologien, auf Computer- und Netzwerktechniken, auf Robotik und Posthumanismus, sondern auch und vor allem auf die klassischen Bereiche der Utopie, auf Politik und Arbeit, auf Kunst und Gesellschaft.
Rudolf Maresch ist freier Medientheoretiker und Publizist, Florian Rötzer Autor und Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Sie sind Herausgeber des Bandes Cyberhypes (es 2202).
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